Gstrein, Norbert
Stillstand im Krieg
In Die Winter im Süden
(Hanser) führt Norbert Gstrein die Schicksale eines alten faschistischen
Kroaten im argentinischen Exil und seiner 1945 in Wien zurückgelassenen Tochter
aufeinander zu, die beide zu Beginn der Balkankriege nach Zagreb zurückkehren.
Interview: Veronika Leiner
Anzeiger 10/08
Sie setzen sich in Die Winter im Süden nach Ihrem Roman Das Handwerk des Tötens ein zweites Mal
mit dem Thema Balkankriege auseinander.
Ich sehe das Buch nicht vordergründig als ein
Jugoslawien-Buch, sondern als ein Buch, das drei historische Daten
zusammenbringt, nämlich das Kriegsende 1945, die Studentenbewegung, 1968, und
1989 bzw. 1991, das Ende des Kommunismus in Europa. Der jugoslawische
Schauplatz ist da der interessanteste, weil dort in den Kriegen seit 1991 noch
einmal die beiden großen Totalitarismen des vergangenen Jahrhunderts aneinander
geraten sind, Faschismus und Kommunismus. Diese Zusammenführung der Systeme hat
mich interessiert. Und natürlich hat es von meinen Recherchen zu Das Handwerk des Tötens eine Art
jugoslawischen Überschuss gegeben, und ich habe immer gedacht, ich könnte dazu
noch etwas sagen.
Die zentralen Figuren
gehen aus unterschiedlichen Gründen zu Beginn des Kriegs 1991 nach Zagreb, sie
bleiben aber dennoch am Rand des Konflikts.
Es sind politische Konflikte, die sich in dem Roman
wesentlich im Privaten zeigen. Die große Historie bildet den Hintergrund, vor
dem Marijas Lebensgeschichte – so heißt die Tochter - und die Lebensgeschichte ihres Vaters erzählt werden. Dabei ist
man nicht mitten im Krieg. Das ist eher ein Buch, das vor den Kriegen und nach
den Kriegen spielt, aber trotzdem sind die Kriege immer präsent. Die Figuren
sind in einer ständigen Erwartungshaltung darauf hin, fast in einem Stillstand
eingefroren, in der Hoffnung, dass etwas passiert, das sie weiterbringt, das
sie weiterzieht in ihrem Leben, ohne dass sie selbst viel dazu tun.
Diesen Zustand des
Stillstands und des Wartens verbinden Sie auch mit dem Thema Exil.
Mich interessiert an solchen Figuren literarisch vor allem
das Thema Zeit. Die Biographie von Marijas Vater, des Alten, ist eine
Exilbiographie, und in solchen Biographien ist sehr viel Zeit angestaut.
Marijas Vater ist nach 1945 nach Argentinien gegangen und wartet dort 45 Jahre
und noch länger darauf, dass sich die Weltgeschichte noch einmal in seinem Sinn
umdrehen könnte, dass der verlorene Krieg sich in einen gewonnenen verwandeln
ließe. Das ist eine vollkommen verstiegene Idee, aber damit nährt er sein Leben
lang einen Antikommunismus, der bei ihm einerseits natürlich Faschismus ist,
andererseits aber noch eine zusätzliche Note hat. Denn es ist nicht nur sein
faschistisches Ressentiment, sondern er sieht ja tatsächlich einen auch
nachvollziehbaren „politischen Auftrag“ darin, gegen das kommunistische
jugoslawische System zu kämpfen.
Erzählt wird die
Geschichte dieses faschistischen Kroaten aber aus der Perspektive eines
vergleichsweise jungen Menschen. Warum haben Sie diese beobachtende
Außenperspektive gewählt?
Ich habe nach einer Figur gesucht, die mir biographisch
näher ist, auch was das Alter betrifft, Ludwig ist in seinen Vierzigern, nicht
so weit weg von mir wie der Alte, und er ist aus Österreich, ein Wiener
Polizist, mir also auch "kulturell" vorstellbarer. Er ist eine
Stellvertreterfigur für den Alten, und der adoptiert ihn gewissermaßen, weil er
in ihm einen Geistesverwandten sieht. Die Initiation Ludwigs ist ein Gespräch,
bei dem er dem Alten erzählt, dass er im Dienst einen Mann umgebracht hat. Das
qualifiziert ihn in seinen Augen. Dadurch wird Ludwig für den Alten jemand, der
ihm nahe steht, auch wenn sich dann herausstellt, dass er sich in seinem Denken
immer wieder von ihm distanziert.
Die Frauenfigur
Marija ist eine ambivalente Figur, die aber vor allem etwas sehr
Masochistisches hat, sie unterwirft sich den Männerfiguren sehr stark.
Es gibt furchtbare Männerfiguren in dem Roman, aber die
Hauptfigur ist Marija. An ihrem Körper wird alles ausgetragen, sowohl das,
wofür ihr Vater steht, als auch das, wofür ihr Mann steht, das faschistische
und das kommunistische System, wenn man so will. Und es ist tatsächlich etwas
sehr Masochistisches an ihr, weil sie auf Zumutungen jeweils mit Unterwerfung
reagiert. Ich weiß nicht, wie realistisch eine solche Frauenfigur ist, und, was
schrecklich wäre, wie sehr man darin eine reine Männerphantasie sehen kann.
Jedenfalls habe ich versucht, das an einer Stelle ironisch zu brechen. Das ist
die Stelle, in der Marija Angelo, den Soldaten, mit dem sie sich auf eine
Affäre einlässt, bittet, sie zu schlagen, und er macht sich lustig über sie,
indem er sie fragt, ob sie das aus einer Frauenzeitschrift hat.
Männlichkeitswahn,
eine gewaltsame Männlichkeit, auch eine gewaltsame Sexualität bis hin zum
erotischen Verhältnis der Männer zu Waffen sind prägend. Insgesamt entsteht der
Eindruck, dass der Krieg selbst etwas wie eine männliche Attitüde ist, der
Krieg als eine Männerphantasie.
Ja, der Krieg als Männerphantasie, und auch als
Männerphantasie, die auf Körpern von Frauen ausgetragen wird. So ist es in den
jugoslawischen Kriegen tatsächlich geschehen, dass Vergewaltigungen von Frauen
auch als Botschaft von Mann zu Mann gemeint waren: "Ich zeige dir, wie
hilflos du bist. Du kannst nicht einmal deine eigene Frau beschützen."
Im Roman gibt es eine ständige Parallelführung von Gewalt
und Sexualität. Eigenlich gibt es darin keine Sexualität ohne Gewalt. Das ist
symbolisiert in den beiden Kellerzimmern in Buenos Aires, wo in dem einen ein
Schießstand ist, während es daneben noch ein kleines Räumchen gibt, in dem
Ludwig mit der Frau des Alten schläft. Beim Schreiben habe ich nie daran
gedacht, aber später ist mir ein Satz eingefallen, der Andreas Baader
zugeschrieben wird: „Ficken und Schießen ist ein Ding.“ Darin ist diese
Männerattitüde auf die Spitze getrieben.
Wie passt da das
Roman-Motto „It’s war, baby, it’s war“?
Die Frau ist das Baby im Zentrum des Satzes. Sie steht
zwischen zwei abstrakten Systemen, die beide Krieg und Gewalt bedeuten,
Faschismus auf der einen Seite und Kommunismus auf der anderen.
Eindeutige politische
Stellungnahmen vermeiden Sie aber.
Dazu kann jeder Leser selbst gelangen. Es genügt, die
Figuren zu vergleichen, beispielsweise Marijas "faschistischen" Vater
und ihren "kommunistischen" Mann. Da ist der Vater natürlich die
unangenehmere Figur. Er hat wirklich Dinge zu verantworten, das ist zwar nicht
explizit ausgeführt, aber man kann annehmen, dass da einiges zutage zu fördern
wäre, ja, dass er sich im 2. Weltkrieg schuldig gemacht hat. Dagegen ist
Marijas Mann nur ein Wirrkopf, der 1968 seine revolutionären Ideen gehabt hat
und vielleicht von Glück reden kann, dass diese Ideen Ideen geblieben sind.
Insofern gibt es natürlich einen beträchtlichen Unterschied zwischen diesen
beiden Figuren und dem Schrecken, der sich hinter ihnen verbirgt. In ihren
privaten Schreckensmöglichkeiten ähneln sie sich aber auf frappierende Art und
Weise, da sind beide, könnte man wahrscheinlich aus der Sicht einer Frau sagen,
einfach Männer.
Ganz am Ende des
Romans thematisieren Sie die „Realitätstauglichkeit“ des Erzählens, von
Literatur. Welche Wirkmächtigkeit schreiben Sie der Literatur zu, gerade auch
im Zusammenhang mit einem sehr politischen Thema?
Es steckt immer auch ein großes Misstrauen dem Erzählen
gegenüber hinter meinem Schreiben, aber dieses Misstrauen habe ich in diesem
Roman nicht in einem fort thematisiert. Er ist ja verglichen mit meinen beiden
vorhergehenden Romanen sehr viel einfacher, sehr viel direkter und sehr viel
mehr über die Handlung erzählt, weniger skeptisch und weniger kommentierend.
Vielleicht habe ich am Ende genau deswegen diese poetologische Reflexion
gebraucht, geradeso, als müsste ich mir und der Welt beweisen, dass ich nicht
ein naiver Erzähler bin. Als müsste ich nachtragen: Ich weiß schon, es ist
etwas komplizierter mit der Wirklichkeit als es sich in einer Romanwirklichkeit
darstellt. Es ist ein Zweifel, ein manchmal fruchtbarer, manchmal unfruchtbarer
Zweifel der Wirkungsmöglichkeit von Romanen und der Wirkungsmöglichkeit von
Literatur gegenüber, der mich solche Schlenker vollziehen lässt. Ein Zweifel
wahrscheinlich auch dem eigenen Leben gegenüber, wenn es heißt, man kann alles
erzählen, Leben sei aber etwas anderes. Das ist im Grunde auch mit sehr viel
Sehnsucht aufgeladen.
Seit dem Erscheinen
des letzten Romans sind fünf Jahre vergangen, wie kam es zu dieser langen
Publikationspause?
Im Handwerk des Tötens
war ich an einem Punkt angelangt, an dem ich wusste, mit dieser Art eines
skeptischen Ich-Erzählers, der dreimal über Bande erzählt, komme ich nicht
weiter. Wenn ich diese Skepsis weitertreiben würde, hieße das irgendwann, ich
müsste ganz schweigen. Ich habe dann ziemlich lang nach einer Erzählperspektive
für diesen neuen Roman gesucht und den skeptischen Ich-Erzähler zwar
aufgegeben, aber immer vermisst. Plötzlich war nichts mehr zwischen mir und
meinen Figuren, die ja fast ausnahmslos sehr unangenehme Figuren sind. Deshalb
war das Schreiben immer auch ein Schreiben gegen diese Figuren, die ich am
liebsten in ihrer Entfaltung beschränkt hätte, denen ich aber trotzdem die
Möglichkeit gegeben habe, sich auszubreiten. Herausgekommen ist ein Vor und
Zurück, und die Jahre vergehen ohnehin von allein.
Die Figuren sind aber
doch sehr reflexive Figuren.
Aber mit eingeschränkten „moralischen Möglichkeiten“. Ich
kann diese Figuren ja nur bis zu einem bestimmten Grad reflektieren lassen, ich
muss mit der Reflexion aufhören, wenn es zu sehr ins Moralische geht. Sie wären
als kriegerische Figuren nicht mehr glaubwürdig, wenn sie sich allzu sehr
Gedanken darüber machen würden, ob ihre verstiegenen Ideen vielleicht
problematisch sind. Wenn sich Ludwig zum Beispiel die antisemitischen Reden
dieses Paters anhört, dann weiß er schon, dass das nicht richtig ist. Aber
gleichzeitig ist er als Figur, so wie ich ihn mir vorstelle, nicht so weit
entwickelt, dass die Situation für ihn bedeuten würde, er müsste laut und
deutlich aufschreien und dem Pater ins Gesicht sagen, dass das nicht geht. Und
je weniger man im Erzählen diesen Aufschrei hat, umso mehr gibt man einer
solchen Figur Spielraum. Und umso schwieriger wird es, in der Schreibbewegung
zu bleiben, weil man nicht ganz sicher ist, wo man die Grenzen ziehen muss und
ob man nicht vielleicht selbst einer absurden Faszination mit einer
zwielichtigen Figur erliegt. Das ist die Schwierigkeit.
Dadurch erhält der
Leser sehr viel mehr Interpretationsspielraum, kann sich von den Intentionen
des Autors entfernen?
Der Leser ist bei weitem nicht so geführt und geleitet wie
in meinen vorangegangenen Romanen, obwohl das eigentlich Begriffe sind, die ich
in der Literatur ohnehin nicht mag. Er könnte sich in diesem Roman leichter
verirren, wobei ich aber doch nicht glaube, dass das möglich ist. Die Figuren
erschließen sich aus ihren eigenen Aussagen doch so weit, dass man sie als
verstiegene Figuren deutlich wahrnimmt und schon weiß, dass für ihre abseitigen
politischen Ideen in Wirklichkeit kein Boden da ist. Jedenfalls hoffe ich, dass
sie sich selbst demaskieren in dem, was sie sagen, und in dem, was sie tun. Der
Alte, der seine Frau prügelt, ist ja keine Figur, der man folgen wollte oder
der man glauben wollte, wenn sie ihre Ansichten vertritt. Es wird sehr
deutlich, dass er aus der Zeit und aus der Welt gefallen ist.
Das sehr reflektierte
Erzählen der letzten Romane ist damit ausgereizt?
Für mich ging es nicht mehr, weil ich damit so weit gegangen
bin. In einer etwas zurückgenommeneren Form könnte ich es mir jederzeit wieder
vorstellen - und stelle ich es mir auch vor. Aber weder wollte ich noch einmal
einen Roman nach den genau gleichen formalen Prinzipien schreiben wie die
beiden vorhergehenden, also mir damit zu sehr selbst ähnlich werden, noch gar,
einen Schritt weiter gehen, weil das geheißen hätte, ich kann eigentlich gar
nichts mehr sagen, so groß ist die Skepsis. Im Grunde ist Die Winter im Süden ein Versuch gegen das System, an das ich selbst
glaube, gegen diese poetologische Haltung des Skeptizismus, die ich immer
vertreten habe. Es ist ein Roman, der gegen mein ganzes Programm steht, und
wahrscheinlich allein schon deswegen Grund zu neuer Skepsis.
Norbert Gstrein, geb. 1961 in Tirol, lebt in Hamburg.
Zuletzt erschienen die Romane Die
englischen Jahre (1999) und Das
Handwerk des Tötens (2003) sowie die Reiserzählung Wem gehört eine Geschichte? (2004, alle Suhrkamp). Gstrein wurde
u.a. mit dem Alfred-Döblin-Preis, dem Literaturpreis der
Konrad-Adenauer-Stiftung und dem Uwe-Johnson-Preis ausgezeichnet.