Breznik, Melitta

Nordlicht
Nach kürzeren Prosabänden legt Melitta Breznik in diesem
Frühjahr mit Nordlicht (Luchterhand) ihren ersten Roman vor. Er handelt
von einer Ärztin, die aus ihrem Leben ausbricht und nach Norwegen geht – im
Gepäck hat sie die Tagebücher ihres Vaters, der dort im Zweiten Weltkrieg
stationiert war.
Interview: Bettina Führer / Foto: Claudia Leuenberger
Anzeiger 03/2009
Die Protagonistin ihres Romans beginnt in einer
persönlichen Krise, sich mit der Vergangenheit ihres Vaters zu beschäftigen.
Warum führt oft erst eine Krise zur Beschäftigung mit den eigenen Wurzeln?
In einer persönlichen Krise stellt man sich Fragen, die man
sonst ausklammert, wenn der Alltag und das Leben gut funktionieren. Wenn
gewisse Schwierigkeiten auftreten, muss man sich natürlich auch fragen:
Inwieweit bin ich selbst schuld oder welche Mechanismen sind schuld an meinem
Scheitern? Was hat mein Aufwachsen dazu beigetragen? Inwiefern hat es mich
beeinflusst, auch beeinträchtigt?
Da wird man zurückgeworfen auf die ersten Beziehungen, die
man in seinem Leben hatte – die Familie, die Mutter, der Vater. Und anhand
dieser Beziehungen versucht man herauszufinden: Woher kommen meine Probleme?
Warum habe ich in meiner Beziehung Probleme, warum habe ich
Reaktionsmechanismen entwickelt? Habe ich sie von zuhause übernommen, oder sie
mir angeeignet, um mich von meiner Herkunft zu distanzieren? Woher kommen die
sich wiederholenden Muster, die mir im Leben im Weg stehen?
Bei Ihrer Protagonistin hat die Beschäftigung mit der
Vergangenheit zwar nicht zur Beantwortung der Frage geführt, warum ihre
Beziehung gescheitert ist, wohl aber zu einer neuen Lebenseinstellung.
Wenn man sich mit seinen Eltern und deren Leben nicht auf
versöhnliche Weise, sondern lediglich kritisierend und negativ,
auseinandersetzt, dann kommt man letztendlich nicht weiter. Ich denke, es ist
sinnvoll, sich mit der Herkunft der Eltern zu beschäftigen, sich zu fragen: Was
haben sie erlebt in dem Leben, das sie gelebt haben, bevor ich zu ihnen
gestoßen bin? Und was hat sie geprägt? Das kann durchaus sehr positive Effekte
auf den Umgang mit sich selbst, mit seinen Eltern, überhaupt mit seinem Umfeld
und anderen Menschen haben.
Im Grunde ist die Familie der Protagonistin an den
Kriegserlebnissen des Vaters und dem Schweigen nach dem Krieg gescheitert, in
noch viel schlimmerer Weise hat es die Kinder aus den Verbindungen von
Wehrmachtssoldaten und Norwegerinnen getroffen. Warum sind deren Schicksale
erst so spät – in den 90erJahren – aufgearbeitet worden?
Speziell in Norwegen hat das unter anderem mit dem
nationalen Selbstbild zu tun. Einige europäische Länder hatten nach dem Zweiten
Weltkrieg Identitätsprobleme und waren gezwungen, sich als Staat neu zu
definieren. Auch in Norwegen hat es Sympathisanten und Unterstützer der
NS-Besatzung gegeben. Die nationalsozialistischen Ideen sind eine unheilige
Allianz mit den bereits vorhandenen Blut-und-Boden-Ideologien eingegangen, die
in Norwegen vorhanden waren. Die Verbundenheit mit der Erde, der Natur und dem
Wetter ist dort wegen der rauen Bedingungen von jeher viel stärker als bei uns.
Am Anfang des 20. Jahrhunderts – nach der Unabhängigkeit von
Schweden, musste Norwegen zu einer neuen nationalen Identität finden. In diesem
Prozess sind die nationalsozialistischen Ideen teilweise auf fruchtbaren Boden
gefallen, weil die Deutschen die norwegische Bevölkerung als arische Rasse
schätzten und Beziehungen von Deutschen Wehrmachtssoldaten mit norwegischen
Frauen begrüßten, um „rassisch wertvollen“ Nachwuchs zu sichern.
Auf der anderen Seite war das dann nach dem Krieg ganz
schwierig: Keiner war dabei gewesen. Es wurde geschwiegen, so wie man auch in
Mitteleuropa geschwiegen hat. Und die sogenannten Deutschenkinder waren
lebendiges, fleischgewordenes Dokument einer Politik, die von den deutsche
Besatzern betrieben worden war, und gegen die sich die Okkupierten teilweise
auch nicht gewehrt hatten. Diese Kinder waren mit einem Mal ein Schandfleck im
nationalen Verständnis der Norweger. Sie wurden auf vielfältige Weise schlecht
behandelt, zu Menschen zweiter Klasse degradiert.
Sie haben sich ja schon im Umstellformat
mit den Auswirkungen des Krieges, mit dem Schweigen und der Tabuisierung danach
und den Auswirkungen auf ihre Familie beschäftigt. Das Thema scheint sie nicht
loszulassen ...
Das scheint mich in der Tat zu beschäftigen. Auch die Geschichte
meiner Familie ist hier beispielhaft, wie viele andere Familiengeschichten
auch. Wir haben hier in Europa besondere Bedingungen: Wir sind eine
Wohlstandsgesellschaft, eine hochentwickelte Kultur, haben zwei zerstörerische
Kriege hinter uns und einen langen Frieden. Das beeinflusst die Entwicklung
einer Gesellschaft, das beeinflusst Familienstrukturen und persönliche
Schicksale.
Und da sind wir dann schon in der Systemverkleinerung
angelangt. Ich als Behandelnde stehe den Schicksalen der einzelnen Menschen in
diesen geschichtlichen Entwicklungen gegenüber und sehe die Zusammenhänge. Ich
denke, wir haben hier eine Sondersituation insofern, als dass wir ob unseres
Reichtums und ob des Friedens, uns auch stellvertretend mit diesen Auswirkungen
von solchen verheerenden Kriegen auf die einzelnen Menschen beschäftigen
können. Das ist in vielen Weltgegenden wegen der ständigen kriegerischen
Auseinadersetzungen gar nicht möglich.
Es ergibt sich für uns eine Verpflichtung, uns damit
auseinanderzusetzen.
Ich habe das Privileg des mit den Schicksalen, dem Elend
sehr nahen Verwobenseins im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit als Ärztin und
andererseits auch die Möglichkeit, mich wissenschaftlich und schriftstellerisch
damit zu beschäftigen.
Wie verhalten sich ihr Beruf als Psychiaterin und das
Schreiben zueinander? Gibt es Parallelen zwischen ihrer Arbeit und dem
Schreiben oder ist es für sie Ausgleich?
Das ist schwierig zu beantworten. Das hat sich zunehmend
verändert, auf eine gewisse Art und Weise ist beides miteinander verwoben. Ich
habe versucht, beides am Anfang eher getrennt zu halten. Ich schreibe natürlich
dann, wenn ich Zeit habe – und Zeit habe ich, wenn ich nicht in meinem
Brotberuf arbeite. Ich muss mir manchmal die Zeit hart erkämpfen, damit ich die
Möglichkeit habe, mich hinzusetzen und auch in eine Geistesverfassung zu
kommen, die es mir ermöglicht, nicht nur zu rezipieren, sondern auch zu
produzieren. Dazu muss ich etwas ausgeruhter sein als ich es manchmal im
Tagegeschäft bin. Ich habe das starke Bedürfnis zu schreiben. Das Schreiben ist
auch ein Rückzugsort für mich. Es ist ein Ort, der für mich ganz allein zur
Verfügung steht, wo ich mich an meinen Schreibtisch zurückziehen kann und mich
auf eine distanzierte Weise mit der Welt und mit mir auseinandersetzen kann.
Ich bin mit Leib und Leben Ärztin, das kann ich nicht verleugnen. Ich bin immer
wieder mal hin- und hergerissen zwischen beidem, aber es käme für mich nicht in
Frage, einzig als Schriftstellerin zu arbeiten.
Heute kann ich zu beidem stehen und das integrieren. Ich
finde es inzwischen durchaus legitim und hänge keinem romantischen
Schriftstellerbild nach. Das ist das Leben, mein Leben, in dem beides Platz hat
– auch wenn es manchmal eine doppelte Belastung ist.
Melitta Breznik wurde 1961 in Kapfenberg, Steiermark,
geboren. Sie lebt in Graubünden und Zürich. Bisher sind von ihr erschienen: Nachtdienst,
Figuren und Das Umstellformat (Luchterhand). 2001 wurde sie mit
dem Literaturpreis des Landes Steiermark ausgezeichnet.