Glattauer, Daniel

Erfolgswelle
Mit Alle sieben Wellen konnte Daniel Glattauer an den Erfolg seiner E-Mail-Liebesgeschichte Gut gegen Nordwind (beide Deuticke) anknüpfen. Im Interview erzählt er von seiner Lesereise, dem Schreiben und neuen Plänen.
Interview: Bettina Führer / Foto: www.corn.at/Deuticke
Anzeiger 04/2009
Sie sind gerade auf Lesereise. Wie ist das, jeden Abend den eigenen Text zu lesen?
Ich hatte bis jetzt etwa 15 Lesungen und bis Ende Mai werden es um die 40 sein. Einerseits reproduziert man dabei zwar das Immergleiche, aber das Publikum wechselt ja und die Stimmung ist immer eine andere. Oft hängt das vom Veranstaltungsort ab, aber auch von der jeweiligen Mentalität: Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich das Publikum in den verschiedenen Bundesländern, in Deutschland oder der Schweiz ist. Trotz der Routine bin ich jedes Mal wieder aufgeregt und gespannt, was mich erwartet.
Ich versuche auch, auf die oft ähnlichen Fragen nicht mit vorgefertigten Antworten zu reagieren und immer wieder neu auf das Publikum zuzugehen, deshalb habe ich auch noch nicht das Gefühl, in einer Lesungsendlosschleife festzusitzen.
Und dass die Leserinnen und Leser das Buch mögen, ist ja auch ein schönes Gefühl: Ich bin im Moment ganz euphorisch. Andererseits ist es aber auch wahnsinnig anstrengend, jeden Tag in einer anderen Stadt zu sein, in einem anderen Hotelzimmer zu schlafen, nie wirklich zuhause zu sein.
Zeitgleich mit Alle sieben Wellen ist eine Sammlung Ihrer besten Kolumnen mit dem Titel Schauma mal erschienen. Fühlen Sie sich mehr als Journalist oder mehr als Schriftsteller?
Ich habe 20 Jahre als Journalist gearbeitet und nebenbei eigentlich immer schon auch literarisch geschrieben. Der Übergang zur Schriftstellerei war also ein fließender, auch weil das für mich nicht zwei völlig verschiedene Berufe sind. Man hat lediglich unterschiedliche Ausgangspositionen: Als Journalist muss man über etwas Vorgegebenes, über ein Geschehen berichten, beim literarischen Schreiben kann man Situationen erfinden, die letztlich aber auch aus dem Leben gegriffen sein sollten. Als Journalist ist man dem Leser etwas schuldig, als Schriftsteller nicht automatisch, obwohl ich mich schon meinen Lesern verpflichtet fühle.
Sie haben einmal gesagt, dass Sie sich als Dienstleister verstehen, der für Gleichgesinnte schreibt. Das ist ja ein sehr journalistischer Zugang zum Schreiben ...
Ich habe immer für andere geschrieben - auch bevor ich Journalist war - und freue ich mich, wenn das angenommen wird.
Und es ist angenommen worden ...Wie erklären Sie sich diesen unglaublichen Erfolg?
Ich denke, der Erfolg der E-Mail-Romane besteht darin, dass dieser Stoff einen großen Wiedererkennungswert hat. Ich habe unzählige E-Mails von Leuten bekommen, die ähnliche Geschichten erlebt haben. Das ist mir beim Schreiben am Anfang gar nicht so bewusst gewesen. Im Grunde wollte ich nur über E-Mails in eine Liebesgeschichte einsteigen und dann schauen, wie die sich entwickelt. Als ich gemerkt habe, dass das funktioniert, bin ich dieser Form treu geblieben.
Am Anfang stand also nicht der Wunsch, einen E-Mail-Roman zu schreiben, sondern eine Liebesgeschichte?
Genau. Das ist die Flexibilität, die man beim Bücherschreiben haben sollte, meine ich. Ich habe beim Schreiben zwar eine Ausgangsbasis und eine Vorstellung vom Ganzen, aber die Schwerpunkte können sich verschieben. In dem Fall war die erste Verschiebung, dass ich bei den E-Mails geblieben bin. Ich hätte allerdings nicht gedacht, dass Emmi und Leo einander nicht treffen werden.
War das beim Folgeroman dann dezidiert geplant?
Ja, das habe ich schon gewusst. Ich habe das Buch ja auch deshalb geschrieben, weil die zwei Figuren einander in irgendeiner Weise begegnen sollten. Das hat im ersten Roman gefehlt. Manche hat das nicht gestört, die waren zufrieden mit Gut gegen Nordwind. Für viele andere war es unbefriedigend, dass sich die zwei, die sich so ineinander verliebt hatten, nie gesehen haben. Ich selbst hatte das Gefühl, dass die Geschichte noch nicht vorbei ist.
Was ist das Besondere am E-Mail? Ist das Spiel mit Spannung durch diese Form missverständlicher Kommunikation, der Interpretationsspielraum von Mails, sind es die Möglichkeiten des unterschiedlichen Timings, mit denen Sie ja auch spielen oder für Sie am interessantesten, wie virtuell Nähe aufgebaut werden kann?
Ich bin im Grunde von der Form ausgegangen. Ich mag Dialoge, die direkte Rede: E-Mails eignen sich da hervorragend. Ich habe mich als Schreiber nicht allzu sehr eingemischt, sondern die Figuren ihre eigenen Worte finden lassen. Dass aus diesem Wortwechsel so eine starke Intimität entsteht, hätte ich mir zwar denken können; dass man das aber erzeugen kann, ohne betroffen zu sein, dass man das mit zwei Figuren einfach machen kann, fand ich spannend.
Ist durch E-Mail-Kommunikation aufgebaute Nähe nicht eine feige Form der Intimität?
Feige klingt sehr negativ. Für viele, die zu ängstlich oder zu scheu sind, Nähe von Angesicht zu Angesicht herzustellen, sind E-Mails ein Rettungsanker. Beim Schreiben können sie alle Dinge ansprechen, die sie bewegen, können sich von ihrer besten Seite zeigen und hinter der Anonymität versteckt die Fantasie explodieren lassen. Aber normalerweise trifft man sich dann doch recht bald. Man will es einfach wissen. Und wenn man sich trifft, ist die Chance, dass das, was man in Hunderten E-Mails aufgebaut hat, auch gelebt werden kann, sehr gering.
Bei Alle sieben Wellen kommt es nach etwa 30 Seiten zum ersten Treffen und mir war klar, dass das schwierig würde. Mir war wichtig, dass es nicht so aussieht, als ob Emmi und Leo nahtlos an ihre E-Mail-Kommunikation anschließen können. Das funktioniert glaube ich nicht.
Was sind Ihre nächsten Pläne?
Ich habe viele Ideen. Es ist immer die Frage, ob ich etwas ganz anderes mache, etwa ein Theaterstück oder Liedtexte schreiben, oder ob ich das Thema Liebe - Beziehung - Betrug weiterverfolge. Das ist etwas, das mich schon sehr interessiert und es gibt gar nicht so viel Literatur, die das auf einem nicht-abgehobenen oder nicht-tiefen Niveau behandelt. Der Ton in der Mittellage, der offensichtlich viele Leute ansprechen kann, ist selten. Und es ist es schon sehr reizvoll, wieder etwas in der Richtung zu machen.
Daniel Glattauer, geboren 1960 in Wien, studierte Pädagogik und Kunstgeschichte und ist seit 1985 als Journalist und Autor tätig. Mit seinem Roman Gut gegen Nordwind (Deuticke) gelang ihm ein Bestseller, der in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde.