Salcher, Andreas
Tattoo der
Verletzungen
Der Bestsellerautor Andreas Salcher widmet seinen
Frühjahrstitel Der verletzte Mensch (Ecowin) einem aktuellen Thema von höchster
Brisanz: dem Umgang mit Verletzungen.
Interview: Silke Rabus, Foto: Ecowin Verlag
Anzeiger 04/2009
Mit Ihrem ersten Buch
Der talentierte Schüler und seine Feinde stehen Sie ebenso auf den
Bestsellerlisten wie nun mit Der verletzte Mensch, beim Buchliebling-Wettbewerb
wurden Sie zum Autor des Jahres gewählt. Was schaffen Sie es, Menschen so zu
berühren, zu fesseln?
Ich schreibe sehr leserorientiert. Ich setze mich intensiv
mit Themen auseinander, ich recherchiere auf der ganzen Welt. Ich habe Zugang
zu einigen sehr klugen Leuten aus Wissenschaft und Spiritualität. Und ich bin
ein Qualitätsfanatiker. Ich mache mir sehr viel Arbeit und versuche, mich in
den Leser hineinzuversetzen. Der
talentierte Schüler und seine Feinde war ein so großer Erfolg, es gab so
viele Reaktionen, dass ich mich dem im positiven Sinne gestellt habe. Man kann
nicht eine Debatte auslösen und sagen: „O.k., ich habe einen Bestseller
geschrieben, aber das war’s“. Das Buch war ja bewusst auf diese öffentliche
Debatte angelegt und ich versuche auch immer, den Themen ein bisschen voraus zu
sein. Jetzt redet das ganze Land über Schule, aber ich habe das Buch vor einem
Jahr geschrieben. Das hat sicherlich
wesentlich dazu beigetragen, diese Debatte überhaupt auszulösen.
Mein zweiter Titel Der
verletzte Mensch ist scheinbar ein bisschen ein stilleres Buch. Es trifft
in Wirklichkeit noch mehr Menschen, wie ich an den Reaktionen merke. Das Buch
wurde vor wenigen Wochen präsentiert, wir sind jetzt in der vierten Auflage und es ist mittlerweile auf den
meisten Bestsellerlisten auf Platz 1, Platz 2 oder Platz 3. Das grenzt fast an
ein Wunder.
Das zweite Buch ist für einen Autor, der ein erfolgreiches
erstes Buch geschrieben hat, eine Riesenherausforderung. Auf der einen Seite
hat man mehr Aufmerksamkeit, auf der anderen Seite schauen natürlich alle: Was
macht er jetzt?
Es war auch ein großes Risiko von meinem Verleger und von
mir, nicht noch ein Buch zum Thema Schule daran zu hängen. Ich kann mich
erinnern, viele Leute haben geglaubt, ich werde jetzt Der talentierte Schüler und seine Freunde schreiben – das wäre nahe
liegend und in Amerika auch üblich gewesen. Aber ich habe mich ganz bewusst dafür
entschieden, diese Schuldebatte auszulösen - und mit Der verletzte Mensch möchte ich eine ganz andere Debatte auslösen.
Es ist auch von den Reaktionen her interessant: Die meisten Menschen haben
gesagt, Der talentierte Schüler und seine
Feinde hat ihnen besonders gefallen, weil „endlich einer etwas sagt“. Bei Der verletzte Mensch hingegen haben mir
die Leser geschrieben, das Buch sei wie eine Einladung zu einem Dialog mit sich
selbst. Das freut mich sehr, denn genau das sollte dieses Buch ja auch sein.
Im Zentrum Ihres
zweiten Buches steht der verletzte Mensch. Ist diesem bislang zu wenig
Aufmerksamkeit gewidmet worden?
Absolut. Das ist natürlich ein Tabuthema gewesen. Es war ja
auch ein sehr riskanter Titel. Wir haben uns gedacht: Trauen
sich die Menschen so ein Buch zu kaufen? Es hat sich aber gezeigt, dass
es wieder ein Buch ist, bei dem die Leute sagen: Ein
Buch in dem ich mich wiederfinde. Das ist auch die Idee dahinter:
Menschen zu animieren, über ihre Verletzungen mit anderen zu sprechen. Wir leben
in einer Gesellschaft, in der einem ständig vermittelt wird, alle sind schöner
als du, alle sind erfolgreicher als du, alle sind besser als du - um dann
darauf zu kommen Moment einmal, selbst in meinem engsten Freundeskreis gibt es
Menschen, denen geht es manchmal nicht gut und
jeder hat seine kleinen Geheimnisse und Verletzungen in
seiner Lebensgeschichte. Für mich war diese Erkenntnis sehr
überraschend. Ich habe mit dem Research in meinem unmittelbaren Freundes- und
Bekanntenkreis begonnen. Das sind alles extrem erfolgreiche Männer und Frauen.
Und da habe ich erfahren, wie sehr Verletzungen deren Lebenswege schon bestimmt
haben. Das war auch für mich selbst ein sehr spannender Lernprozess.
Wieso verletzen wir
überhaupt? Sind wir zu rücksichtslos, zu wenig aufmerksam?
Es gibt viele Gründe zu verletzen. Was Herr Fritzl getan hat
oder auch andere, das sind ja nur extreme Ausnahmefälle schwer gestörter
Persönlichkeiten. Im Normalfall passiert Verletzung durch Unachtsamkeit, durch
Vorurteile und durch bestimmte Mechanismen. Wenn beispielsweise ein Vater zur
Tochter sagt - Du bist nicht gut genug, streng dich mehr an - und das Mädchen
strengt sich noch mehr an und bekommt aber nie die Liebe seines Vaters, oder
wenn ein Kind ein bisschen zu dick ist oder nicht die richtigen Klamotten trägt
und daher in der Schule ausgeschlossen wird - dann ist das wie ein Stich mit einer
Tätowiernadel. Es ist nicht diese eine Handlung, aber es ist sozusagen die
Summe der kleinen Verletzungen, die dann in Summe auch das Tattoo eines
Versagers ergeben. Und wenn die Menschen sich dann in diese Opferrolle begeben
und sagen: Mein Vater hat schon nicht an mich geglaubt, ich habe keine Freunde
und so weiter – dann kommen sie ihr Leben lang nicht raus. Das ist das eine
entscheidende Thema: Es gibt ganz wenige Menschen, die bewusst verletzen. Das
zweite wichtige Thema ist: Wir verletzen auch uns selbst, ohne es zu merken.
Vor allem Frauen tendieren zur Selbstverletzung, indem sie zum Beispiel ihre
eigenen Wünsche zu sehr hintanstellen gegenüber dem Partner, gegenüber ihren
Familien, ihren Kindern usw. Diese Frauen sind überhaupt nicht mehr in der Lage
zu träumen und sich ihr eigenes Leben zu wünschen.
Reagieren Männer und
Frauen unterschiedlich auf Verletzungen?
Männer und Frauen haben unterschiedliche Muster, wie sie mit
Verletzungen umgehen. Männer wachsen letztlich immer noch mit Indianerspielen
auf und kennen keinen Schmerz. Ich weiß das aus meiner eigenen Kindheit: Der
Westernheld ist schon tödlich getroffen, das weiße Hemd ist blutdurchtränkt und
er merkt überhaupt nicht, dass er verletzt ist und kämpft weiter. Er ist
sozusagen schon tot, ist schon auf das Pferd gebunden und besiegt seine Feinde
dann doch noch. Das heißt, das größte Problem der Männer ist es, überhaupt
anzuerkennen, dass sie verletzt sind, dass sie gekränkt wurden, dass ihr Ego
wirklich fundamental getroffen wurde. Wenn aber Männer einmal akzeptieren, dass
sie verletzt sind, dann tun sie sich sogar leichter, radikale Veränderungen und
Neuanfänge zu machen als Frauen. Das ist die Herausforderung für die Männer.
Frauen dagegen haben wesentlich geringere Probleme, über ihre Verletzungen zu
sprechen, Verletzungen anzuerkennen, ihre Gefühle zu zeigen. Sie sind aber
dafür wieder viel mehr gefährdet, sich in ihrer Opferrolle selbst zu verhaften
und nicht mehr herauszukommen, sozusagen ihr ganzes Leben aus dieser Opferrolle
zu sehen und das auch immer wieder zu erzählen: Es war der Mann, der mich
betrogen hat, es war der Vater, es waren die Umstände, schon meine Eltern waren
Alkoholiker und so weiter.
Was kann man gegen
Verletzungen unternehmen?
Der Mittelteil meines Buches heißt „Sieger und Verlierer“.
Unter Sieger verstehe ich Menschen, die in der Lage sind anzuerkennen, dass
Verletzungen Teil ihres Lebens und ihrer Lebensgeschichte sind. Eine der
Grundthesen meines Buches ist, dass Verletzungen einen Sinn haben. Hinter
Verletzungen stehen oft Lebensaufgaben von Menschen. Es gibt immer wieder
Menschen, für die ihre Verletzung, und sei sie auch noch so schwer, letztlich ein
Element in ihrem Leben ist - ein Element, aus dem sie sogar Energie oder Talent
beziehen. Denken Sie an Ihr eigenes Leben: Am meisten lernt man aus den
schweren Niederlagen, die man in seinem Leben erlitten hat. Wenn man immer
erfolgreich ist, hat man wenig Grund, über sein Leben grundlegend nachzudenken.
Letztlich ist daher das Grundmuster Selbstverantwortung. Ich bin dem Schicksal
nicht hoffnungslos ausgeliefert, ich kann selbst etwas aus meinem Leben machen.
Diese Grundverantwortung kann einem niemand abnehmen.
Ist Verdrängung
manchmal nicht besser, als sich der Verletzung zu stellen?
Absolut. Man muss nicht in jeder Verletzung herumstochern
bis zum Gehtnichtmehr. Man muss nicht immer eine fünf-, sechs-, siebenjährige
Psychotherapie machen. Die Zeit heilt viele Wunden, das stimmt. Das
Entscheidende ist letztlich zu erkennen, dass ich auf meine Vergangenheit
keinen Einfluss habe, aber dass ich meine Gegenwart verändern kann.
Verletzungen wird es immer geben, aber auf das Leiden und auch auf mein zukünftiges
Leben habe ich einen Einfluss.
Um Verletzungen zu
verarbeiten, kann auch Vergebung eine gute Strategie sein.
Genau. Ich habe das letzte Kapitel meines Buches dem Thema
Versöhnung und Vergebung gewidmet. Ich habe mich dabei sehr auf Fred Luskin bezogen,
der an der Stanford University das größte Vergebungsprojekt überhaupt
durchgeführt hat. Luskin hat aufgezeigt, dass trotz schwerster Verletzungen
Versöhnung wichtig und möglich ist. Das Haupthindernis zu vergeben ist dabei
ein großes Missverständnis, nämlich die Vorstellung, dass man dem Täter
vergeben muss. Vergebung, das sagt Luskin ganz klar, ist aber nicht dazu da,
dass es dem Täter besser geht, sondern Vergebung ist dazu da, dass es uns
selbst besser geht. Das heißt: Auch wenn mir ein anderer etwas angetan hat,
muss ich lernen, mich mit mir selbst zu versöhnen – und nicht meinem Täter die
Macht über meinen Schlaf zu geben. Der erste Schritt ist daher immer die
Selbstversöhnung, also die Versöhnung mit der eigenen Geschichte. Das ist das
Entscheidende, worum es bei der Versöhnung geht – und es funktioniert. Es gibt
für mich ein sehr kleines, aber eindrucksvolles Beispiel. Fred Luskin hat in
seinen Forschungen gezeigt: Wenn man nur fünf Minuten an einen Menschen denkt,
auf den man einen Groll hat, der einem etwas angetan hat, verändert sich der
Herzrhythmus negativ. Da kann man sich vorstellen, was es körperlich für
Menschen bedeutet, sich fünf oder zehn Jahre lang, ihr ganzes Leben lang dem
Hass, dem Groll, der Missgunst widmen. Das zerstört wirklich die Gesundheit von
Menschen.
In Ihrem Buch geben
Sie ein Plädoyer für eine Positive Psychologie ab. Was ist das Neue daran?
Die Geschichte der Psychologie ist durch Freud und viele
andere immer eine Defizitforschung gewesen: Was sind die Komplexe von Menschen,
was sind die Triebe vom Menschen? Es gibt tausend Studien zum Thema
Traurigkeit, es gibt ganz wenige Studien zum Thema Glück. Ich habe mich in
meinem Buch stark von Mihaly Csikszentmihalyi, dem führenden Glücksforscher, beeinflussen lassen.
Gemeinsam mit dem amerikanischen Universitätsprofessor Martin Seligman hat er
die so genannte Positive Psychologie begründet. Diese sucht nicht nach den
negativen Elementen, die das Leben eines Menschen bestimmen, sondern fragt nach jenen Elementen, die dazu
beitragen, ein glücklicheres Leben zu führen, mit seinen Verletzungen fertig zu
werden. Martin Seligman hat hier einen positiven Wertekatalog aufgestellt. Wir
Menschen sind verbal in der Lage, unsere Schwächen sehr präzise zu beschreiben,
aber nicht unsere Tugenden. Was heißt denn zum Beispiel wirklich Treue, was
heißt Dankbarkeit und so weiter? Zu erforschen, was das eigentlich Gute im
Menschen ist und wie man das Gute stärken kann, das ist die Grundidee der
Positiven Psychologie, der ich noch eine große Zukunft voraussage.
Sie sprechen auch von
der „Schule des Herzens“. Was verstehen Sie darunter?
Unter „Schule des Herzens“ verstehe ich, dass schon Eltern
ihren Kindern Werte wie Dankbarkeit oder Mitgefühl beibringen. Das kann einem
dabei helfen, die zwei stärksten Triebe des Menschen zu erkennen: auf der einen
Seite die Angst, wieder dort verletzt zu werden, wo man schon seine
Ursprungsverletzung hat, auf der anderen Seite unsere Sehnsucht nach Liebe. Das
sind unsere zwei stärksten Triebe, die aber oft in einem Gegensatz zueinander
stehen. Das heißt, aus Sorge, wieder dort verletzt zu werden, wo ich schon
verletzt wurde, verschließe ich mein Herz, verenge meine Perspektive und bringe
mich damit um die Chance der Liebe, die ja der wichtigste Trieb des Menschen
ist. Die „Schule des Herzens“ hat daher sehr viel mit der Öffnung des Herzens
anderen gegenüber zu tun. Nur ein geöffnetes Herz, sprich, ein verletzbares
Herz, kann ein liebendes Herz sein. Dem Benediktinermönch David Steindl-Rast,
der auch bei meinem Buch eine entscheidende Rolle gespielt hat, ist es
beispielsweise immer wieder gelungen, bei mir und auch bei vielen anderen Menschen auf
der ganzen Welt diese Sehnsucht zu entdecken, ein bisschen ein besserer
Mensch zu werden.
Welche Visionen
entwickeln Sie für die Zukunft?
Der dritte Teil meines Buches heißt ja „Die Schule des
Herzens“ und dort zitiere ich drei Menschen als Vorbilder, bei denen ich sage:
So könnten Modelle unserer Gesellschaft ausschauen, bei denen weniger verletzt
wird, bei denen es mehr Glück und mehr Sinn gibt. Da ist zum einen Bruder David
Steindl-Rast, für mich der charismatischste Mensch, dem ich je begegnet bin.
Bei den von mir initiierten„Waldzell Meetings“ im Stift Melk habe ich sieben Nobelpreisträger, den Dalai Lama und wirklich
großartige Persönlichkeiten gesehen, aber Bruder David Steindl-Rast hat mich
persönlich am meisten beeindruckt und im positiven Sinn wirklich berührt. Der
zweite ist der führende Glücksforscher Mihaly Csikszentmihalyi,
der mir schon bei meinem ersten Buch sehr geholfen hat, und der dritte ist Bill
Strickland. Er hat in der härtesten Gegend von Pittsburgh ein Schulzentrum
gebaut hat, wo nun Kinder, die vorher zu 90 Prozent Drogendealer und Kriminelle
wurden, zu 90 Prozent den College-Abschluss schaffen. Man sieht daran: Das
Gegenteil von Liebe ist oft nicht Hass, sondern Effizienz. Wir fragen
beispielsweise viel zu viel, was etwas kostet, was uns etwas bringt, anstatt zu
fragen: Macht das Sinn, verbessert es das Leben von Menschen?
Das ärgert mich auch so an der jetzigen Schuldebatte, wenn
den Eltern und Kindern immer eingeredet wird, wie lange alles dauert, wie
unendlich schwierig es ist und dass Schule so viel Mühsal bedeutet. Das stimmt
schlicht und einfach nicht. Es gibt genug Beispiele, die aufzeigen, dass Schule
Spaß machen kann, den Schülern, den Lehrern und damit auch den Eltern. Das bestehende System wird von einigen wenigen, die davon
profitieren verteidigt und das erzeugt sehr viel Leid. Aber natürlich sind zwei
der Quellen von Leid auch eindeutig die frühkindliche Erziehung, wenn das
Elternhaus versagt, und dann natürlich die
Schule, die nach wie vor leider manchmal ein
emotionales ein Schlachtfeld ist. Nicht nur gegen die Schüler, sondern
auch gegen die Lehrer. Das ist auch der Grund, warum viele Lehrer so empört
reagieren, weil dieses ganze System Schule ungemein viele Verletzungen und
Kränkungen produziert.
In Ihrer Arbeit
zeigen Sie immer wieder, dass man Strukturen aufbrechen und damit Verletzungen
vermeiden kann.
Es gibt immer wieder Beispiele, die zeigen, dass dies selbst
unter schwierigsten Bedingungen möglich ist. Um noch einmal auf Bill Strickland
zurückzukommen, der sein Schulzentrum mit sensationeller Architektur, gutem
Essen, einem Springbrunnen vor dem Zentrum und vielem anderem ausgestattet hat
– er hat einmal zu mir gesagt: „Alles, was du hier siehst, kostet pro Schüler
mit den besten Lehrern 10.000 Dollar. Einen schwarzen Jugendlichen ein Jahr
lang in einen Hochsicherheitstrakt einzusperren, kostet 50.000 Dollar und damit
fünf Mal so viel - mit der Chance auf Resozialisierung unter 10 Prozent,
während es bei mir 90 Prozent schaffen ...“ Auf meine Frage, wenn es so einfach
sei, warum es dann nicht überall funktioniere, hat er gelacht und gesagt: „Weil
wir Menschen besonders komplizierte Wesen sind“.
Es ist immer dasselbe. Es ist die Sozialbürokratie, es sind
die Gewerkschaften, es sind jene, die zwar nach außen hin so tun, als wenn sie
den Armen helfen wollen und die Schwachen verteidigen, die aber in Wirklichkeit
ihre Pfründe verteidigen. Wenn Menschen nicht mehr so verletzt würden, dann
bräuchte man weniger Sozialbürokraten. Da gibt es einfach massive
Interessensgruppen, die überhaupt nicht daran interessiert sind, dass das
Leiden der Menschen reduziert wird.
Ein Plädoyer also dafür,
mehr Mut zu zeigen und Systeme aufzubrechen?
Selbstverständlich. Was wir brauchen ist angewandte Weisheit
- ‚Practical Wisdom’, wie die Amerikaner
es nennen -, das heißt die Fähigkeit, gegen systemische Widerstände
Menschlichkeit durchkommen zu lassen. Ich nenne Ihnen ein simples Beispiel: In
einem Altersheim, in dem das Reinigungspersonal den klaren Auftrag hat, dreimal
am Tag den Gang blitzblank sauber zu machen, dabei gibt es immer wieder ältere Menschen, die Angst
haben auszurutschen. Oder wenn das Personal genau zu einer vorgeschriebenen
Zeit staubsaugt, weckt es Menschen auf, die zu der Zeit schlafen wollen. Und da
bedarf es dieses Mutes, gegen das System, gegen eine Vorschrift zu verstoßen
zum Wohle der eigentlich Betroffenen. Das ist angewandte Menschlichkeit.
Gab es für Sie
eigentlich auch einen persönlichen Anlass, dieses Buch zu schreiben?
Der verletzte Mensch ist
definitiv nicht die Aufarbeitung meiner persönlichen Verletzungen. Das hat
einen sehr simplen Grund: Das können Schriftsteller und ich bin ja kein
Schriftsteller, Literaten können das viel besser, daher zitiere ich sie. Ich
habe eine persönliche Verletzung im Buch, die natürlich anonymisiert ist. Das
ist, wenn Sie so wollen, meine emotionale Signatur. Aber ich habe bei dem Buch
viel über mich selbst gelernt und das Kapitel, bei dem ich am meisten gelernt habe, war das Kapitel
über Versöhnung.
Gibt es schon weitere
Pläne?
Ich mache jetzt erst mal eine intensive Lesereise. Ich will nicht ausschließen, dass es einmal ein drittes
Buch gibt. Ich habe viele Themen im Kopf, aber bevor ich eine solche
Entscheidung treffe, denke ich genau darüber nach, weil die Latte jetzt
natürlich sehr hoch liegt. Eines ist mir noch sehr wichtig: Es war für mich
wirklich unfassbar, dass ich beim diesjährigen Buchliebling-Wettbewerb zum
„Autor des Jahres“ gewählt worden bin, vor allem, wenn man weiß, dass Joanne K.
Rowling und Thomas Brezina die vorherigen Wahlen gewonnen haben. Ich glaube,
dass ich deshalb die meisten Stimmen bekommen habe, weil es die vielen Mütter und Väter waren, die mir bisher
über 5.000 E-Mail geschrieben haben und das Leid ihrer Kinder geklagt
haben - und dass letztlich sie es waren, die dafür gesorgt haben, dass ich den
Preis gewonnen habe.
Andreas Salcher studierte Betriebswirtschaft.
1987 wurde er zum jüngsten Mitglied des Wiener Landtags gewählt, dem er
insgesamt 12 Jahre angehörte. 1998 gründete er die Sir
Karl-Popper-Schule für besonders begabte Kinder. 2004 initiierte Andreas
Salcher die „Waldzell Meetings“ im Stift Melk. Sein erstes Buch Der talentierte Schüler und seine Feinde
löste 2008 eine breite öffentliche Debatte über das österreichische Schulsystem
aus. Im Frühjahr 2009 folgte Der
verletzte Mensch (beide Ecowin), das ebenfalls
schon ein Bestseller ist. Er wurde „Autor
des Jahres 2009“ beim Buchliebling-Wettbewerb.