Kreslehner, Gabi
Geschichten sehen
Interview: Silke Rabus / Foto: Martina Hartl
Anzeiger 7/2009
Frischer Wind in der österreichischen
Jugendliteratur: Die Linzer Autorin Gabi Kreslehner wurde für ihren Debütroman
Charlottes Traum (Beltz & Gelberg) gleich vierfach ausgezeichnet.
Noch vor dem Erscheinen Ihres Debütromans Charlottes
Traum wurde das Manuskript vier Mal ausgezeichnet, unter anderem mit dem
Peter-Härtling-Preis der Stadt Weinheim. Das ist gut, oder?
Ja, das ist sehr gut! So ist das Manuskript bemerkt und
wahrgenommen worden. Ich bin nämlich nicht sicher, ob das ohne die Preise
geschehen wäre. Ich meine, die Verlage bekommen solch eine Flut von
Manuskripten, da musst du schon sehr, sehr viel Glück haben, auf diesem Wege
entdeckt zu werden. Ich glaube, da geht viel verloren.
Ihre
Hauptfigur Charlotte lebt ein ganz normales Leben: Die Eltern lassen sich
scheiden und sie verliebt sich das erste Mal. Bietet der Alltag die besten
Geschichten – oder was war der Anlass für den Roman?
Der Anlass für diesen Roman war ein Satz, nämlich der erste
des Textes: "Ich wohne hier nicht mehr." Ich habe einen Satz für
meine Schüler gesucht, der sie in eine Geschichte hineinlocken sollte, sie
weiterbringen und ins Erzählen bringen sollte. Der Satz hat aber schließlich nur
mich in seine Geschichte gelockt. Glücklicherweise.
Ja, grundsätzlich glaube ich schon, dass der Alltag die
besten Geschichten bietet, also das Leben, und das Leben ist ja Alltag. Man
muss die Geschichten einfach sehen und ich denke, das kann ich ganz gut. Eine
Geschichte sehen und spüren, vor allem spüren am Anfang. Und wenn das, was die
Geschichte sagt, mich berührt, dann kann ich sie auch schreiben. Das heißt
jetzt aber nicht, dass meine Geschichten in irgendwelchen Biographien meiner
Umgebung zu finden sind, nein, sie sind alle erfunden. Ich würde mich auch
niemals erdreisten, jemandes Geschichte (auch nicht meine eigene, das wurde ich
nämlich schon gefragt, ob Charlottes Geschichte meine Geschichte ist, die
meiner Kindheit) abzuschreiben. Es ist einfach so, dass diese Geschichten
meinen Figuren, wenn sie lebendige Menschen wären, tatsächlich so passiert sein
könnten. Ich könnte keine Fantasy-Geschichten schreiben und auch keine
Elfenbeinturm-Geschichten.
Charlotte verliebt sich in
Carlo: Wie schwer ist es, über die Liebe zu schreiben, ohne peinlich oder
kitschig zu werden?
Ich weiß nicht, ich finde es nicht schwer. Schwerer finde
ich, diese Frage zu beantworten, also: Ich schreibe zuerst einfach mal, dann
lass ich es liegen, dann gehe ich wieder drüber, dann liegt es wieder, dann
gehe ich wieder drüber ...
Ich bin aber, glaube ich, schon sehr streng mit mir und der
Sprache, überprüfe immer wieder, speziell die Liebesszenen, sehe aber auch
schnell, wenn etwas Kitsch oder peinlich ist. Ein kleiner Trick ist vielleicht,
dass ich die Situationen immer wieder breche und versuche, etwas sehr
Wirkliches reinzukriegen. Also das darf nie glatt sein oder nur gut riechend,
ganz im Gegenteil, und keine „schönen“ Wörter, nur solche, die die Situation
wirklich beschreiben und treffen. Ich würde zum Beispiel, - jetzt rede ich aber
eher von Erwachsenentexten - wenn zwei miteinander schlafen, niemals
sagen: „Sie liebten sich!“ Diesen Ausdruck finde ich über alle Maßen kitschig
und peinlich! Man sollte es sagen, wie es ist, also: „Sie schliefen
miteinander.“ Oder auch deftiger, wie die Situation es halt erfordert. Und man
sollte zwischendurch vielleicht auch mal lachen können oder schmunzeln oder
"Wähhh!!!" sagen. Auch als der, der es schreibt. Vieles schreibt sich
aber einfach intuitiv und es passt dann.
Ich will ja meine Figuren nicht bloß stellen, ich mag sie ja
und achte deshalb auf ihre Würde und dass sie diese nicht verlieren. Und das
ist, wenn es um die Liebe geht, natürlich schon gefährlich, weil es etwas sehr
Intimes ist, etwas grundsätzlich Bloßes.
Auch wenn in Charlottes Familie kein Stein mehr auf
dem anderen bleibt, hat man doch den Eindruck, dass das Beziehungschaos der
Eltern so schlimm gar nicht ist. Sie fordern Ihrer Protagonistin ein
erstaunliches Maß an Toleranz ab?
Ja? Tue ich das? Ich weiß es nicht. Ich denke, es geht nicht
anders. Man braucht doch grundsätzlich ein ordentliches Maß an Toleranz, um
durch das Leben zu kommen. Schließlich lebt man nicht allein und also ist das
etwas, was man lernen muss - weg von den eigenen egozentrischen Kreisen und hin
zu den anderen - ohne auf sich selbst zu vergessen natürlich. Ich glaube, nur,
weil Charlotte das kann, kann sie auch erwachsen werden. Also der Weg, den sie
geht, ist sicher ein sehr lehrreicher.
Auch die Eltern sind ja im Grunde tolerant - sie lassen sich
trotz der Verletzungen, die sie sich selbst zufügen, aber die auch die
Situation ihnen zufügt - noch als Menschen gelten, und das war mir sehr, sehr
wichtig: Keinem den schwarzen Peter zuzuschieben und zu zeigen, dass der
Begriff Schuld in der Situation falsch ist! Lieben lieben sich halt aus
- das ist einfach so. Das ist zwar traurig, aber es ist so. Manche haben Glück,
manche nicht. Das Leben ist - blöder Spruch - kein Wunschkonzert. Wirklich ein
blöder Spruch! Aber so ist das halt.
Charlotte
ist stark, neugierig, humorvoll, offen, verletzbar und mutig – eine
außergewöhnlich facettenreiche Mädchenfigur. Ihr Alter Ego?
Schön, dass Sie sie so sehen! Mein Alter Ego? Ich weiß es
nicht. Vielleicht ein bisschen. Vielleicht, weil ich sie so direkt habe reden
lassen und da ist sie mir möglicherweise tatsächlich ein bisschen ähnlicher
geworden als so manch andere Figur, die ich erfunden habe. Obwohl, tatsächlich
hat ja jeder Mensch sehr viele Facetten. Aber jetzt werden Sie mir gleich
entgegen halten, dass wir von Geschichtenfiguren reden und nicht von Menschen
...
Was ist denn nun eigentlich
Charlottes Traum, wie der Roman titelt? Beim Lesen hätte ich eher auf eine
Vielzahl von Träumen geschlossen?
Nun ja, das ist so eine Sache. Ursprünglich hieß der Roman
ja Ringlotten am Erdbeerbaum und das bedeutet in sich eine Unmöglichkeit
und für den Roman hieß es die Unmöglichkeit, die Unversehrtheit des alten
Lebens wiederherzustellen.
Charlottes Traum ist die Unversehrtheit dieses alten Lebens.
Und "Traum" diesbezüglich auch deshalb, weil dieses alte Leben sicher
nicht unversehrt war. Ein Leben ist nie unversehrt, das bildet man sich
immer nur ein, das möchte man, aber das ist einfach nicht so und Charlotte muss
das vielleicht früher lernen als manch andere.
Ausgefeilte Dialoge, dezente Auslassungen einerseits
und detaillierte Beschreibungen andererseits: Die präzise Verwendung von
Sprache scheint Ihnen sehr wichtig zu sein?
Ja! Ausgesprochen wichtig! Da kann es sein, dass ich mit mir
um einen Punkt feilsche oder einen Beistrich. Wichtig für mich ist auch, mir
das Geschriebene vorzulesen - da höre ich dann viel. Ob der Klang stimmt und
die Melodie. Ich habe eine Zeitlang (als Jugendliche und junge Erwachsene) viel
Lyrik geschrieben und manche dieser Gedichte gefallen mir heute immer noch -
soll heißen, ich habe schon sehr früh geübt, Sprache auf den Punkt zu bringen
oder eben zu verdichten und das kommt mir natürlich jetzt zugute.
Außerdem habe ich sehr viel Theater gespielt und auch geschrieben - und Theater
ist - logischerweise - sehr handfest, sehr konkret, was die Sprache betrifft.
Das bewahrt mich davor, elfenbeinern, also theoretisch, zu werden. Das nämlich,
finde ich, ist der Tod einer Geschichte.
Der niederländische Autor
Guus Kuijer lobte Ihren Text in seiner Laudatio zum Oldenburger Kinder- und
Jugendbuchpreis: „Es ist bitter, süß, salzig und sauer.“ Ein großes Kompliment,
vor allem weil Ihnen selbst Sinneseindrücke sehr wichtig zu sein scheinen?
Ja, ich habe das als sehr großes Kompliment empfunden! Ich
weiß gar nicht, wie oft ich diesen Satz gelesen und mir "auf der Zunge
zergehen habe lassen"! Ja, Sinneseindrücke sind ungeheuer wichtig! Die
Sinne sind doch die direktesten, dichtesten und intensivsten Vermittler zur
Welt und zum Leben und nur Eindrücke machen doch wieder Ausdrücke
möglich. Und wenn ich es nun geschafft habe, dass jemand wie Guus Kuijer
befindet, dass mein Text bittersüßsalzigsauer, also "sinnlich" ist
und somit "körperlich" und somit "lebendig", dann ist das
natürlich Wahnsinn.
Nur wenige österreichische AutorInnen schreiben für
Jugendliche. Woran könnte das liegen – und weshalb ist es bei Ihnen anders?
Da kann ich nur Vermutungen anstellen. Bei mir ist es so,
dass ich sowohl für Jugendliche als auch für Erwachsene schreibe. Ich habe, als
ich vor sechs Jahren wieder zu schreiben anfing, einen Text für Jugendliche
begonnen, der im Laufe des Schreibens einer für Erwachsene wurde, ohne dass ich
es hätte ändern können (oder wollen). Außerdem habe ich mittlerweile drei
Manuskripte für Erwachsene fertig. Es war einfach Zufall (und Glück), dass das
Jugendbuchmanuskript durch die Preise rascher entdeckt wurde. Warum ich
grundsätzlich für Jugendliche schreibe: Vielleicht weil ich (als Lehrerin) viel
mit ihnen zu tun habe und zwar auch in ihrer Ausformung als Gruppe. Sie sind
mir also nicht fremd. Im Gegenteil. Und darum kann ich ganz gut über und
also auch für sie schreiben.
Also, es ist zum einen vielleicht eine Sache der Nähe, die
mancher Schriftsteller nicht zu Jugendlichen als Gruppe empfindet, zum anderen
ist es möglicherweise die Wertigkeit dieser Literatur in Gesellschaft und
Medien im Vergleich zur Erwachsenenliteratur.
Wo rangiert Erwachsenenliteratur, wo Jugendliteratur? In
welchen österreichischen Zeitungen gibt Rezensionen von Jugendbüchern? Da
brauche ich keine ganze Hand, um die aufzuzählen. Vielleicht wollen sich das
manche Autoren einfach nicht antun, dass man, wenn man Jugendliteratur
schreibt, weniger bemerkt und vor allem auch weniger ernst genommen wird.
Ihr Manuskript, damals noch unter dem Titel Ringlotten
am Erdbeerbaum, wurde im Rahmen des Autorenförderprojektes Schreibzeit
betreut. Wie wichtig ist die Arbeit am Text, der Blick der Außenstehenden?
Der Blick der Außenstehenden ist schon sehr wichtig, weil
es ein unverstellter, ein unvoreingenommener ist. Man selber ist ja oft so in
der Geschichte, in der Sprache drin, dass man den Tellerrand nicht erblickt.
Und da ist so ein „Ja, aber …“ durchaus hilfreich. Natürlich nervt es im ersten
Augenblick, wenn man sich Dinge aus der Seele schwitzt und man feilt und tut
und tut und feilt – und dann kommt es nicht so an, wie es sollte. Das ist nicht
immer einfach und ich verfluche dann meistens die Welt und das Leben und
besonders den, der mir das antut, versinke in Selbstmitleid und fühle mich
absolut unverstanden. Aber das vergeht wieder und oft muss man sich schon
eingestehen, dass das „Ja, aber …“ berechtigt war. Man gibt seine Texte ja
nicht irgendjemandem, sondern durchaus Vertrauensleuten, die außerdem etwas
davon verstehen. Also man ist, denke ich, gut beraten, solche Einwände ernst zu
nehmen.
Letztendlich muss man aber ohnehin selber entscheiden, wohin
der Hase namens Geschichte läuft und das ist natürlich ein einsames Geschäft.
Man sollte also gut mit sich alleine sein können. Und Geduld haben, denn so
eine Geschichte schreibt sich selten von heute auf morgen. Meine lassen sich
manchmal recht bitten.
Bislang sind von Ihnen vor
allem Kurzgeschichten in Anthologien erschienen. Wieso veröffentlichen Sie
jetzt erst einen Roman?
Schlicht
und einfach, weil kein Verlag meine Texte haben wollte. Aber von vorne: Ich
habe mit dem Schreiben sehr lange pausiert, habe zwischen meinem 23. und meinem
38. Lebensjahr so gut wie nichts geschrieben, höchstens für die Schule hin und
wieder ein paar Theaterszenen. Es hat mir auch nicht gefehlt. Ich hatte anderes
zu tun. Ich habe eine Familie gegründet, zwei Kinder bekommen, als Lehrerin
gearbeitet, Theater gespielt, getöpfert, mit meinem Mann ein jahrhundertealtes
Haus renoviert … und mir ist nie langweilig gewesen. Dann habe ich für meine
Klasse ein „großes“ Theaterstück geschrieben und das war es eigentlich. Den
letzten Anstoß gab eine Freundin, die meinte, es wäre jetzt an der Zeit, das
wieder auszugraben und also hab ich einen Text geschrieben, ihn eingeschickt
zum Mira-Lobe-Stipendium und es bekommen. Einen Sommer lang habe ich diesen
Roman fertig geschrieben, habe ihn an Verlage geschickt und keiner wollte ihn
haben. Das ging fünf Jahre lang so mit mittlerweile aber vier fertigen
Manuskripten und im letzten Sommer hat es mir gereicht und ich hab beschlossen
wieder aufzuhören. Aber dann fing der Preisregen an und jetzt hoffe ich schon,
dass es weitergeht.
Ihre weiteren Pläne?
Mehrere. Sehr wichtig wäre mir, einen Verlag
für meine Erwachsenentexte zu finden. Ich glaube, die sind es absolut wert
gedruckt zu werden. Dann arbeite ich an einem Jugendtext mit dem Arbeitstitel Darm,
außerdem gibt es Pläne für ein Charlotte-Spin-off. Vielleicht Sulzers
Nüsse oder so ähnlich. Und vielleicht wieder mal was Erwachsenes, wir
werden sehen.
Gabi Kreslehner, geboren 1965 in Linz, ist Lehrerin und
Autorin und lebt mit ihrer Familie in Ottensheim an der Donau in
Oberösterreich. Sie schreibt für Jugendliche und Erwachsene. Charlottes Traum
ist ihr erster Roman, für den sie gleich mehrfach ausgezeichnet wurde: mit dem
Peter-Härtling-Preis der Stadt Weinheim 2009, dem Jugendliteraturpreis des
Landes Steiermark 2008, dem Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Oldenburg
2008 und dem Hans-im-Glück-Preis 2008.