Hauptverband des Österreichischen Buchhandels

Menasse, Eva

  

Todsünden

Nach Vienna legt Eva Menasse nun ihre zweite literarische Veröffentlichung vor. In sieben Kapiteln widmet sie sich den Lässlichen Todsünden (Kiepenheuer & Witsch).

Interview: Silke Rabus, Foto: Stefan Oláh www.olah.at, Anzeiger 8/2009

 
Was hat Sie gereizt, sich mit den sieben Todsünden zu beschäftigen? Sind Todsünden in unserer Zeit überhaupt noch aktuell?

Mich haben die Todsünden erst einmal als reines Sprachmaterial fasziniert: Jedes dieser Worte ist doch wie ein Hammerschlag, Geiz, Zorn, Neid, Hochmut, Wollust. Die Idee von kardinalen Sünden, die angeblich schlimmer alles andere sind, hat mich kreativ angeregt. Es war eine Versuchsanordnung, hier war ein schönes altes Gefäß, und ich wollte es neu füllen. Und aktuell ist wohl immer, was Menschen einander antun, ob man es nun Sünde nennt und Gott fürchtet, oder nicht.


Die Bezeichnung Todsünde ist ja eine umgangssprachliche Benennung. Laut Definition der Katholischen Kirche sind die in Ihrem Buch thematisierten Vergehen - Trägheit, Gefräßigkeit, Wollust, Zorn, Hochmut, Neid und Habgier – Hauptlaster, aus denen Todsünden erst entstehen. Was sind denn, unter diesem Gesichtspunkt, für Sie „Lässliche Todsünden“, um die es in Ihrem Buch geht?

Den ersten Teil der Frage verstehe ich nicht bzw. haben mich diese theologischen Spitzfindigkeiten nicht interessiert. Und der Titel, der ja ein Paradox ist, weil Todsünden eben nicht vergeben werden können, kommt daher, dass ich diesem herrlichen, altmodischen Sündenkatalog meine Referenz erweisen wollte, aber eben nur die literarische, nicht die moralische Referenz.
 

Die sieben Todsünden, die Sie in Ihrem Buch thematisieren, scheinen überhaupt nicht schlimm und eher vernachlässigbar zu sein. Kann und soll man Lastern überhaupt ausweichen – oder sind sie nicht vielmehr etwas allgemein Menschliches, das ein wenig „Würze“ ins Leben bringt?

Wann etwas schlimm oder bloß vernachlässigbar ist, wann eine Sünde zur Todsünde wird, muss letztlich jeder für sich selbst beantworten. Das moralische Empfinden ist ja bald so unterschiedlich wie der Geschmack. Sünde als "Würze im Leben" ist mir aber zu spaßgesellschaftsmäßig, zu leichtfertig. Mir ging es eher darum, zu zeigen, wie oft man andere verletzt, ohne es recht zu merken. Wie sich die "Schuld" oder "Sünde" durch das Hintertürchen von charakterlichen Eigenheiten einschleichen, wie sie aber auch von bestimmten Situationen fast erzwungen werden.

 
Jedem Laster ist ein eigenes Kapitel gewidmet – und doch sind alle Episoden miteinander verschränkt: Protagonisten tauchen an anderer Stelle als Nebenfiguren wieder auf, und auch die Sünden werden mehrfach begangen. Wieso haben Sie diese Erzählform gewählt bzw. wäre es nicht auch möglich gewesen, alle Episoden – wie in Vienna - zu einer übergreifenden Geschichte zu verbinden?

Ja, mir scheint selbst, das Konstruktionsprinzip der Todsünden ist dem von Vienna gar nicht unähnlich. Obwohl Vienna doch ein Roman ist und dieses Buch vielleicht nur knapp keiner, scheint mir an der Architektur eines Buches offenbar das unvollständige Mosaik zu gefallen, das dennoch genug Bild ergibt, um als "ganz" durchzugehen. Aber es hat natürlich auch mit dem Thema zu tun: Die Todsünden berühren sich ja, wie Neid und Geiz, wie Hochmut und Zorn, wie Gefräßigkeit und Wollust. Und es ist schwer möglich, eine allein zu begehen. Wer wirklich sündigt, ufert aus.

 
Ihre Frauenfiguren wirken komplizierter, kaprizierter als ihre männlichen Pendants. Trügt der Schein oder urteilen Sie über Frauen strenger als über Männer?

Vielleicht kommt Ihnen als Frau das auch bloß so vor? Was einen selbst betreffen könnte, wiegt doch immer schwerer. Natürlich weiß ich nicht, ob ich die Frauen strenger beurteile, im Zweifelsfall kenne ich sie besser. Wir sollten einen Mann fragen, ob er die männlichen Protagonisten im Buch so viel harmloser findet! Geplant habe ich das jedenfalls nicht, allerdings ist eins der Themen im Buch natürlich auch die Unfähigkeit der Geschlechter miteinander. Manchmal scheinen mir die Sprach- und Verständnisbarrieren zwischen Männern und Frauen schier unüberwindlich. Übrigens auch die zwischen Kindern und Erwachsenen. Daraus entsteht viel Missverständnis, Unglück und Krise.

 
Ihre Figuren scheinen alle irgendwie dem Glück nachzujagen – und doch steht ihnen etwas im Weg. Verhindern Laster das Glück?

Wir stehen uns immer selber im Weg. Und wir jagen wohl auch alle dem Glück nach. Es macht sich so rar, weil man es in Reinkultur gar nicht bemerken würde. So wie man Gesundheit erst spürt, wenn man Schmerzen hat. Aber das sind Banalitäten. Die Konflikte und Unzulänglichkeiten der Menschen erzeugen jedenfalls erst die erzählenswerten Geschichten, seit Homer und Shakespeare.

 
Als Autorin nehmen Sie eine beobachtende Rolle ein und enthalten sich jeden Urteils über die (scheinbaren) Vergehen Ihrer Figuren. Was denken Sie persönlich – können die Protagonisten für ihre Sünden Vergebung erwarten? Ist Vergebung überhaupt notwendig?

Vergebung kann immer nur der gewähren, dem geschadet, dem Leid zugefügt wurde. Insofern ist die individuelle Vergebung oder Versöhnung das Wichtigste überhaupt, genauso wie eine allgemeine Vergebung, etwa durch ein Gotteskonzept, sinnlos ist. Aber in einigen der Erzählungen geht es wohl vor allem darum, dass der "Sünder" oder die "Sünderin" mit sich selbst ins Reine kommt. Schon daraus würde viel Entspannung entstehen.


Was ist die schlimmste Todsünde für Sie – und die schönste Tugend, die man dagegen setzen kann?

Ich glaube, es ist, so wie es auch die katholische Lehre lange Zeit gesehen hat, der Hochmut. Ganz allgemein bedeutet er, dass das eigene Fühlen, auch das eigene Leiden, für wichtiger genommen wird als das der anderen. Und der Hochmut hat einen Zug zur Allmachtsphantasie, so wie der Protagonist in meiner gleichnamigen Erzählung: Dieser absurde Glaube, "wenn ich mich nur ändern könnte, dann wäre alles anders". Ganz schlimm sind auch die, die sich ständig bemühen, "Gutes" zu tun und "richtig" zu leben und sich gerade deshalb für besser halten. So gesehen ist auch die katholische Amtskirche ein rasend hochmütiger Verein.
Die Tugend dazu wäre demnach die Demut: In Wer die Nachtigall stört, einem Buch, das ich sehr mag, steht an einer Stelle, man müsse sich bemühen, in die Haut des anderen zu schlüpfen und in seinen Schuhen zu gehen. Ein halbwegs geglücktes Leben führt also einer, der sich überprüft und selbst reflektiert, der gefasste Überzeugungen auch revidieren kann und der weiß, dass er trotzdem Fehler machen wird. Wie immer im Leben: Es gibt keine einfachen Lösungen.



Eva Menasse, geboren 1970 in Wien, begann als Journalistin bei Profil in Wien. Sie wurde Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, begleitete den Prozess um den Holocaust-Leugner David Irving in London und arbeitete nach einem Aufenthalt in Prag als Kulturkorrespondentin in Wien. Sie lebt seit 2003 in Berlin. Vienna (2005) ist ihre erste literarische Veröffentlichung, am 24. August 2009 erscheint Lässliche Todsünden (beide Kiepenheuer & Witsch).

Hauptverband des Österreichischen Buchhandels
 
Zur Startseite  

Realisiert mit ContentLounge 7.5.0