Glavinic, Thomas

Dunkle Sehnsüchte
Was geschieht, wenn jemand einem die geheimsten Sehnsüchte
erfüllt? Thomas Glavinic erzählt in seinem neuen Roman vom Leben der Wünsche,
von Liebe, Glück und Verlorenheit.
Interview:
Bettina Führer / Foto: Ingo Pertramer
Anzeiger 08/2009
Sie sind gerade von einem längeren Rom-Aufenthalt
zurückgekehrt. Was haben Sie denn in Rom gemacht?
Ich habe ein bisschen gearbeitet, aber da ich sehr gern in
der Stadt bin, haben die Aufenthalte für mich immer auch Urlaubscharakter.
Zugegeben, mit der Dauer des Aufenthalts nimmt der Urlaubscharakter zu und ich
geniesse es, nichts zu tun, ein richtiger Tagedieb zu sein.
Hat die andere Umgebung einen Einfluss auf Ihre Arbeit?
Ja, weil ich in Rom weniger abgelenkt bin und mich deswegen
ein bisschen weniger an den Schreibtisch zwingen muss. Ich fühle mich dort eben
sehr wohl und das macht vieles einfacher.
Auf welche Weise arbeiten Sie, haben Sie bestimmte
Schreibrituale?
Ich stehe auf, mache mir Kaffee und gehe an den Schreibtisch
– diese tägliche Routine brauche ich, weil ich eigentlich ein enorm fauler
Mensch bin. Ohne eine gewisse Disziplin würde da nichts herauskommen. Auf diese
Weise schreibe ich jeden Tag meine zwei Seiten und wenn ich die habe, darf ich
tun, was ich will. Manchmal bin ich nach drei, manchmal auch erst nach acht
Stunden fertig – und nach etwa zwei Jahren gibt es neuen Roman. Auch am „Leben
der Wünsche“ habe ich zwei Jahre geschrieben.
Das Leben der Wünsche (Hanser) beginnt mit dem
klassischen Märchenmotiv, dass eine wie auch immer geartete „Fee“ jemandem drei
Wünsche erfüllt. Was hat Sie veranlasst, dieses Motiv als Ausgangssituation für
Ihren Roman zu nehmen?
Nichts als die Idee, was wäre, wenn das in Erfüllung geht,
was man (unbewusst) wirklich möchte. Was passiert dann? Wer weiß denn schon
wirklich alles über sich und seine inneren Antriebe? Im Unbewussten vieler
Menschen liegen allerhand Leichen begraben. Bei mir vermutlich auch.
Weshalb vermuten Sie das?
Man kann sich ganz gut selbst analysieren, indem man sich
mehrmals pro Tag fragt: Was denke ich gerade? Das ist ein ganz interessantes
Spiel, bei dem man äußerst spannende Dinge über sich selbst herausfindet.
Vieles an Sehnsüchten, Wünschen und auch dunklen Trieben liegt tief in uns
verborgen, und wir wollen uns das auch nicht zu genau ansehen.
Verdrängung ist ja auch ein Mechanismus, der uns am Leben
erhält ...
Das glaube ich auch. Trotzdem: Zuviel Verdrängung ist auch
nicht gesund, denn Verdrängtes kommt auf die eine oder andere Weise ohnehin an
die Oberfläche. Und vieles sollten wir auch deshalb nicht verdrängen, weil es
gar nicht so schlecht wäre, es auszuleben oder zumindest darüber nachzudenken.
Ich möchte durchaus über mein Innerstes Bescheid wissen und
Unbewusstes an die Oberfläche bringen – auch wenn es mich schreckt. Ich will
einfach herausfinden, wer ich bin.
Ist Schreiben eine Möglichkeit das herauszufinden?
Nein, definitiv nicht. Das Schreiben ist eine Beschäftigung
mit allerhand Motiven, die man aus dem eigenen Leben kennt, aber ich glaube
nicht, dass ich dadurch schon viel über mein Leben gelernt oder irgendetwas
besser verstanden habe.
Was ist denn Ihr Antrieb zu schreiben?
Schwierig zu sagen, das kann ich eigentlich nicht erklären.
Ich muss es halt machen, weil es mich einigermaßen zusammenhält. Ich habe schon
mit 17 gewusst: Ich bin Schriftsteller.
Sie sind als Autor bekannt, der nie das gleiche Buch
schreibt, den Sprachduktus immer an den Stoff anpasst. Ihr jüngster Roman Das
Leben der Wünsche spielt allerdings mit einigen formalen und inhaltlichen
Referenzen an Die Arbeit der Nacht. Welcher Art ist die Verbindung zwischen
den beiden Romanen?
Als ich Die Arbeit der Nacht geschrieben habe, ist mir
gegen Ende ein neues Motiv ins Manuskript hineingekommen, das ich dann wieder
eliminiert habe, weil „Die Arbeit der Nacht“ dadurch ein anderes Buch geworden
wäre. Dieses Motiv hat eine andere, wenngleich verwandte Geschichte erfordert.
Auf welche Art diese Bücher miteinander verbunden sind,
lässt sich kaum sagen, das ist sehr komplex. Die beiden Romane behandeln ähnliche
Motive: Angst, Einsamkeit und Liebe, wobei die Liebe in Das Leben der Wünsche
dominanter ist als in Die Arbeit der Nacht. Trotzdem sind auch Einsamkeit und
Angst wieder wichtige Motive – der Protagonist, Jonas, trägt ja auch zumindest
denselben Namen, auch wenn die Figuren nicht ident sind. Die Verlorenheit
dieses Menschen ist mir sehr wichtig, vermutlich weil das auch viel mit mir zu
tun hat – ohne dass ich das analysiert hätte.
Aber Sie haben doch sicher schon analysiert, was Sie sich
gewünscht hätten, würden Ihnen drei Wünsche erfüllt.
Komischerweise nicht. Ich müsste mich mal damit
auseinandersetzen, was das überhaupt bedeuten würde. Aber die Frage ist so
utopisch und unglaublich, dass ich mich damit noch nicht beschäftigt habe. Ich
habe mich nur gefragt, was passiert, wenn ... Dazu kommt die Erkenntnis, dass
es bei mir vermutlich auch nicht allzu günstig ausfallen würde, wenn mir alle
unbewussten Wünsche erfüllt würden. Da würden wahrscheinlich ein Haufen Leute
plötzlich und unvermutet im Krankenhaus landen. Wer weiß, was in mir für
Aggressionen und Feindschaften verborgen liegen, die mir gar nicht bewusst
sind? Ich habe an sich auf niemanden Wut, bin niemandem böse, hasse niemanden
und glaube, dass ich anderen Menschen ausgeglichen und aufgeschlossen
gegenübertrete. Ich glaube das wirklich, aber wer weiß ...
Was kommt als nächstes, an was arbeiten Sie gerade?
Ich habe einen Roman im Kopf, der geschrieben werden will
und von dem es auch schon einen Anfang gibt, aber bevor ich wieder an die Arbeit
gehe, mache ich noch viel Urlaub.
Thomas Glavinic, 1972 in Graz geboren, lebt in Wien,
war Taxifahrer, Bergbauer und Werbetexter. Er schreibt Romane, Essays,
Erzählungen, Hörspiele, Kolumnen und Reportagen, zuletzt erschien bei Hanser Die
Arbeit der Nacht (2006) und der Roman Das bin doch ich, der 2007
für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde (Shortlist). Glavinics jüngster
Roman Das Leben der Wünsche erscheint am
17. August 2009 ebenfalls bei
Hanser.