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Scholl, Susanne



Auf der Suche nach der „russischen Seele“

Mit Ende August 2009 beendet Susanne Scholl ihre Tätigkeit als Moskau-Korrespondentin des ORF. Ihr Abschiedsgeschenk an das Land der Extreme ist der Erzählband Russland mit und ohne Seele (Ecowin).

Interview: Bettina Führer / Foto: privat

Anzeiger 09/3009

Sie haben fast zwei Jahrzehnte in Moskau gelebt. Was nehmen Sie mit und was lassen Sie gern hinter sich?
Um mit der zweiten Frage zu beginnen: gerne hinter mir lasse ich den nass-kalt-dunklen Herbst und Winter und die endlosen Staus.
Was ich mitnehme? Viele wunderbare Menschen, viele aussergewöhnliche Erfahrungen, und schon im Voraus großes Heimweh nach Moskau.

Schon vor Russland mit und ohne Seele haben Sie Erzählungen über das Leben in Russland geschrieben. Wie verhalten sich Ihre journalistische und Ihre literarische Arbeit zueinander?
Ich habe nicht nur Erzählungen über Russland geschrieben, sondern auch zwei Romane, von denen einer gar nichts mit Russland zu tun hat. Aber zu ihrer eigentlichen Frage: Ich kann das schwer trennen. Ich glaube, dass die literarische Seite zunehmend in die journalistische einfliesst und umgekehrt. Irgendwie verschwimmen da die Grenzen ein bisschen – zumindest für mich selbst und während des Schreibens.

Sie zitieren den Dichter Fjodor Tjutschew mit „Russland kann man mit dem Verstand nicht begreifen, an Russland kann man nur glauben.“ – dennoch hat man den Eindruck, Sie haben Russland durchaus verstanden. Welches ist die wichtigste Erkenntnis, die Sie zu Land und Leuten gewonnen haben?
Dass sich Geschichte durchaus wiederholen kann – aber nie deckungsgleich. Dass man seine Menschlichkeit auch durch barbarische Zeiten hindurch bewahren kann.

In Ihrem neuen Buch erzählen Sie die Lebensgeschichten von Wegbegleitern, Freunden und Zufallsbekanntschaften aus deren Perspektive. Dabei hat man den Eindruck, dass sich niemand schuldig gemacht hat: Leute, die ausländische Journalisten bespitzelt haben, haben nur ungefährliche Berichte geschrieben, Julia Chruschtschowa will sich ihrer privilegierten Situation gar nicht bewusst gewesen sein, die Mutter des Computerfachmanns arbeitet in der Rüstung, hat aber gar nichts damit zu tun ... Kann man das einfach so unkommentiert stehen lassen?
Habe ich das alles einfach unkommentiert stehen gelassen? Das denke ich doch nicht. Aber – es geht mir nicht darum, Urteile zu fällen. Wer von uns „Westlern“, die wir alle ohne erwähnenswerte Angst und ohne Gefahr groß geworden sind, darf sich anmassen, zu urteilen? Über Menschen, die versucht haben, in Menschenfresser- oder zumindest in gewalttätigen Zeiten, irgendwie zu überleben? Ich hatte nie vor, zu urteilen – aber zu zeigen, wie das Leben war. Und genau so, wie sie es in Ihrer Frage formulieren, war dieses Leben eben.

Bei den meisten Lebensgeschichten spielt die Abwesenheit des Vaters eine wichtige Rolle. Welche Auswirkungen hat die Vaterlosigkeit auf Politik und Gesellschaft?
Da kann ich nur vermuten – aber die Tatsache, dass man eigentlich immer auf den „großen Mann“ im Kreml wartet und hofft, zeigt ja wohl ziemlich deutlich, welche Auswirkungen das hat. 

Was passiert gerade in der russischen Literatur? Welche zeitgenössischen AutorInnen und Werke schätzen Sie?
Meine Lieblingsautorin ist Ljudmila Ulitzkaja. Und ihr Roman Schurik ist mein Lieblingsbuch. Ich mag auch Viktor Jerofeew und seinen guten Stalin ganz gerne. Insgesamt habe ich das Gefühl, dass die Autoren, die die große Umwälzung am Ende des 20. Jahrhunderts literarisch aufarbeiten können, aber erst geboren werden müssen.

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft? Werden Sie Ihre journalistische und literarische Arbeit nach Ihrer ORF-Laufbahn fortsetzen?
Ich werde auf jeden Fall weiter schreiben. Und natürlich würde ich gerne auch weiterhin journalistisch tätig sein. Das muss sich aber alles erst noch zeigen.



Susanne Scholl liest am Samstag, dem 14. November, um 16.00 Uhr auf der BUCH WIEN 09.

Susanne Scholl, 1949 in Wien geboren, promovierte 1972 in Rom zum Doktor der Slawistik und begann ihre journalistische Laufbahn in der Auslandsredaktion der apa. Paul Lendvai holte sie 1986 in die Osteuroparedaktion des ORF. Im Sommer 1989 übersiedelte sie mit ihren Zwillingen als Korrespondentin nach Bonn – und konnte so das Ende der DDR direkt miterleben und kommentieren. 1991 wechselte sie nach Moskau und übernahm dort 1994 die Leitung des ORF-Büros. Nach einem zweieinhalbjährigen Zwischenaufenthalt in Wien, wo sie das ORF-Europajournal leitete, kehrte sie Anfang 2000 als Bürochefin nach Moskau zurück. Susanne Scholl hat drei Sachbücher und drei Romane sowie einen Gedichtband veröffentlicht und mehrere Preise und Auszeichnungen für ihre journalistische Arbeit erhalten.

 

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