Pluhar, Erika

Ich bin eine
Geschichtenerzählerin
Erika Pluhar
erhält im November den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz
in Denken und Handeln. Im Interview spricht die Autorin, Sängerin und
Schauspielerin über das Schreiben und ihre politische Haltung.
Interview: Bettina Führer / Foto: Lukas Beck
Anzeiger 10/2009
Sie sind
gerade von einem Filmdreh in Italien zurück – um was für ein Projekt handelt es
sich da?
Ich habe schon
sehr lange nicht mehr für den Film gearbeitet, aber dieses Projekt hat mich
gelockt, weil mich das Buch, nach dem dieser Kinofilm gedreht wird, so berührt
hat: Das Ende ist mein Anfang. Ein Vater, ein Sohn und die große
Reise des Lebens von und über Tiziano
Terzani. Das Buch ist ein Dialog zwischen Vater und Sohn kurz vor Terzanis Tod
2004. Jetzt wird es von Jo Baier in Orsigna,
einem kleinen Ort in der nördlichen Toskana, im Hause Terzani verfilmt und es
hat sich so gefügt, dass ich die deutsche Frau des Autors – Angela – spiele.
Terzani wird von Bruno Ganz verkörpert, der Sohn Volco von dem jungen
italienischen Schauspieler Elio Germano.
Das ist ein mutiges Projekt für einen Spielfilm, denn die
Geschichte kommt ohne jede Action aus, besteht hauptsächlich aus Gesprächen und
es geht um Vergänglichkeit und den Vorgang des Abschiednehmens vom Leben. Da
das ein Thema ist, das auch in meinem Leben sehr präsent war, habe ich mich auf
dieses Projekt eingelassen.
Sie haben mal gesagt, Sie wollen nie wieder
Sprachrohr und reine Interpretin von Texten sein, die nicht die Ihren sind ...
Ich war
jahrzehntelang Schauspielerin und hatte am Theater eine sehr leidenschaftliche
Zeit, in der mich das sehr erfüllt hat, aber ich war nie ausschließlich
Schauspielerin. Mit haben diese Bretter nie die Welt bedeutet, sondern mir hat
immer die Welt die Welt bedeutet. Gleichzeitig habe ich immer schon
geschrieben. Ich habe nur sehr spät begonnen, das auch zu veröffentlichen. Das
lag zum Teil auch an den Gegebenheit der Zeit: Als ich jung war, konnte man als
Frau gerade mal Schauspielerin werden. Das wurde goutiert. Nicht durch Zufall
war meine erste Buchveröffentlichung in der Reihe „Neue Frau“ bei Rowohlt, die
Angela Praesent herausgegeben hat. Es war damals noch notwendig, für
schreibende Frauen eine Art „Schutzraum“ zu bauen. Das hat sich wirklich zum
Guten verändert. Mittlerweile bekommen Frauen den Literaturnobelpreis! Mit
meiner ersten Buchveröffentlichung „Aus Tagebüchern“ war dann eine Art
Schallmauer durchbrochen und ich habe begonnen, auch im Hinblick auf eine
Veröffentlichung zu schreiben. Dass ich jetzt einen Buchpreis erhalte, bedeutet
mir sicher mehr als jedem anderen Schriftsteller, weil ich wirklich weiß, wie
schwierig es ist, aus einer Schublade in eine andere zu wechseln und da auch
anerkannt zu werden. Für die meisten bin ich noch immer eine Schauspielerin,
die schreibt. Der Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels hat mich deshalb
sehr überrascht und gefreut, weil es die erste „offizielle“ Würdigung meines
Schreibens ist. Von Lesern wurde ich ja immer gewürdigt.
Heuer ist bei Residenz eine Sammlung Ihrer
Liedtexte unter dem Titel Mehr denn je erschienen. Was war denn die
Initialzündung für Ihre Karriere als Sängerin und vor allem auch
Liedtextautorin?
In dem Buch sind
tatsächlich alle meine Liedtexte versammelt – auch sehr frühe. Ich habe Lieder
immer gemocht. Schließlich war es aber André Heller, der mich ermutigt hat, zu
singen. Ich war dann sehr schnell sehr erfolgreich als Liedsängerin, zunächst
mit Heller-Texten. Dann habe ich weitergesucht und bin auf Sulke und Biermann
gestoßen. Und irgendwann habe ich gedacht: Warum nur die Texte anderer singen,
wenn ich selbst schreibe? Noch unter den Fittichen von Heller entstand dann
eine Platte mit eigenen Texten – und von da an ging`s ganz rasant. Das wurde
ein Weg, den ich bis heute intensiv gehe. Lange Zeit habe ich ausschließlich
meine eigenen Lieder gesungen. Meine letzte Produktion war eine Dreier-CD mit
dem Titel Es war einmal, auf der ich einen Bogen über meine ganze Laufbahn
als Sängerin spanne und auch wieder alte Heller- und Biermann-Lieder singe. Man
muss einfach eine Zeit lang rigoros sein, ganz entschieden nur seinen Weg
gehen, um dann wieder locker werden zu können.
Die Inhalte Ihre Lieder, vor allem aber auch
Ihrer Bücher, sind ungeheuer intim. Was bringt das mit sich, wenn man sich der
Öffentlichkeit auf diese Weise preisgibt und aussetzt?
Ich gebe mich
nicht preis, weil ich nur veröffentliche, was ich will. Ich habe nie das
Gefühl, dass ich mein menschliches Geheimnis auf den Markt schleudere, sondern
ich spreche und schreibe sehr offen, was für mich Menschsein ausmacht. Das
finde ich natürlich immer auch in meinem eigenen Erleben. Aber ich liebe seit
meiner Kindheit auch die Erfindung. Eigene Erfahrungen und Erfindungen setzen
sich in meinen Texten wie ein Puzzle zusammen. Ich bin eine
Geschichtenerzählerin. Man sagt mir oft, ich schreibe authentisch, aber nur
weil ich Geschichten auf eine authentische und nicht auf artifizielle Weise
erzähle, bedeutet das nicht, dass das dann eins zu eins meine Geschichte ist.
Sie sind auf vielerlei Gebieten erfolgreich.
Was ist für Sie das Spezielle am Schreiben?
Das Schöne am
Schreiben ist, dass man Welten erschaffen und lebendig werden lassen kann. Ich
lasse mir meine Geschichten von einem inneren Erzähler erzählen. Ich bin keine
Vorausplanerin, die einen vorgefertigten Plot schreibend ausfüllt. Zwar beginne
ich meist mit bestimmten, vor allem stilistischen Vorhaben, aber dann lasse ich
mir das Buch erzählen. Deshalb habe ich eigentlich auch nie mit Blockaden oder
Einsamkeit während des Schreibens zu kämpfen. Ich leide nicht, wenn ich
schreibe.
Außerdem ist das
Schreiben für mich ein Ausgleich zu meinem „äußeren“ Leben. Ich stehe ja noch
viel auf Bühnen, singe, lese, interagiere mit einem Publikum, drehe. Bis in die
Weihnachtszeit werde ich gar nicht dazukommen zu schreiben. Aber wenn ich eine
Lebenszeit habe, die es mir ermöglicht, ruhige Tage aneinanderzureihen, dann
setze ich mich an meinen Laptop und fange einfach an. Diese Disziplin habe ich
noch aus meiner Zeit am Theater. Da kann man vor einer Vorstellung auch nicht
sagen: Ich bin nicht inspiriert. Da läutet es drei Mal und der Vorhang geht
hoch. Und in diesem Gefühl schreibe ich auch weiter. Immer mit einer gewissen Lockerheit
– denn das, was ich da schreibe, gehört ja noch mir. Ich denke nicht bei jeder
Zeile an die Veröffentlichung. Das kommt erst zum Schluss. Und die Zeiten, in
denen ich schreibend leben kann, sind für mich sehr sehr schön.
Sie sind dafür bekannt, mit Ihrer
(politischen) Haltung nicht hinter dem Berg zu halten und Stellung zu beziehen
– trotzdem haben Sie zwei wichtige politische Ämter abgelehnt, die Ihnen
angetragen wurden. Warum?
Ich habe schon
Nein gesagt, bevor es überhaupt zu einer offiziellen Anfrage kam, trotzdem hat
es mich geehrt, dass man überhaupt daran gedacht hat, ich könnte als
Bundespräsidentin kandidieren oder Kulturministerin sein. Als Idee, muss ich
gestehen, hat mir das gefallen. Dass mein Leben dahin geführt hat, dass man
mich mit solchen Ämtern in Verbindung gebracht hat, hat mich schon geehrt,
dennoch kam die Politik für mich nicht infrage. Stattdessen habe ich das Buch
„Die Wahl“ geschrieben und in der Fiktion eine Frau meines Zuschnitts ein
solches Ansinnen annehmen lassen. Ich gehöre nicht in die Parteipolitik Das ist
nicht meine Aufgabe. Ich bin ein politischer Mensch im übergeordneten Sinn und
ich versuche im Rahmen des mir Möglichen, meine Stimme laut werden zu lassen,
wenn es nicht opportun ist. Wenn alle Künstler irgendwo unterschreiben, muss
ich es nicht auch tun – da halte ich mich heraus. Ich versuche da sehr streng
mit mir umzugehen und mich dort nicht zu fürchten, wo man es ohne Rücksicht auf
Verluste machen müsste.
Im Moment bin ich
ratlos, was die politische Situation in Österreich anbelangt: das Aufblühen
eines Strache, das Schrumpfen der Sozialdemokratie und eine politische „Mitte“,
die bis an den rechten Rand geht, veranlassen zur Sorge. Ich bin ratlos, wie
man als öffentliche Person in einer wirkungsvollen Form gegen den
Rechtspopulismus auftreten könnte. Wenn ich es wüsste, würde ich es sofort tun.
Am 10. November bekommen Sie den Ehrenpreis
des Österreichischen Buchhandels in Toleranz in Denken und Handeln verliehen.
Was verbinden Sie persönlich mit dem Toleranzbegriff?
Ich habe eine
sehr zwiespältige Haltung dem Begriff der Toleranz gegenüber. Bei Strache kann
ich nicht tolerant sein. Wer in allen Belangen mit dem Toleranzbegriff
operiert, ist ganz rasch opportunistisch. Man kann nur bei toleranten Menschen
tolerant sein. Goethe hat einmal gesagt, Toleranz könne nur eine vorübergehende
Sache sein, sie muss zur Anerkennung führen. Duldung ist Beleidigung. Dem
stimme ich voll zu. Dass dieser Preis auch meiner Haltung als Mensch gilt,
darüber bin ich sehr froh. Die aufrechte Haltung ist mir die liebste.
Termine
10. November:
Verleihung des Ehrenpreises des Österreichischen Buchhandels für Toleranz in
Denken und Handeln im Wiener Rathaus
12. November, 22.30
Uhr: Erika Pluhar liest und singt im Rahmen der BUCH WIEN Lesefestwoche in
der Roten Bar des Volkstheaters.
14. November, 16.00
Uhr: Erika Pluhar signiert ihre Bücher. BUCH WIEN 09, Messe Wien, U2-Station
Krieau-Messe/Eingang D, Messeplatz 1, 1021 Wien, Verlagsstand Residenz D 0717
Erika Pluhar war seit ihrer Ausbildung am Max-Reinhardt-Seminar
bis 1999 Schauspielerin am Burgtheater in Wien. Sie textet und interpretiert
Lieder, hat Filme gedreht und zahlreiche Bücher veröffentlicht. Zuletzt sind
bei Residenz erschienen:
- Paar Weise. Geschichten und Betrachtungen zur
Zweisamkeit (2007), ISBN 3-7017-1472-X
- Er. Roman (2008), ISBN
978-3-7017-1491-9
- Mehr denn je. Alle Lieder (2009), ISBN 978-3-7017-1513-8