Pressler, Mirjam

I have a
dream …
Die vielfach ausgezeichnete
Autorin und Übersetzerin Mirjam Pressler erzählt über ihre neuen Bücher: Nathan
und seine Kinder und Grüße und Küsse an alle.
Interview: Silke Rabus / Foto: Alexa Gelberg
Anzeiger 11/2009
Am 15. November lesen Sie auf der BUCH WIEN aus Ihrer
Frühjahrsneuerscheinung Nathan und seine Kinder. Wieso haben Sie als Stoff
eigentlich Lessings Nathan der Weise gewählt?
Ich glaube, es gibt Geschichten, die man unbedingt tradieren
muss. Dazu gehört die Ringparabel. Wenn man Geschichten nicht immer wieder
erzählt, sind sie irgendwann tot. Außerdem ist Nathan der Weise eines der
wichtigsten Stücke, die es gibt. Es ist das Stück der Aufklärung. Und es besagt
etwas ganz Wesentliches: Unsere Rettung können nur Toleranz und Vernunft sein.
Nicht nur haben Sie einen Klassiker in eine zeitgemäße
Sprache übersetzt, Sie haben auch die Form gewechselt - vom Drama zum Roman.
Welchen Herausforderungen mussten Sie sich bei Ihrer Arbeit stellen?
Tatsächlich stehen die Figuren auf der Bühne und führen
einen religiösen Disput. Aber es ist kein Theaterstück in dem Sinn und die
Figuren sind blass. Es hat mich einfach gereizt, den Stoff einmal so richtig zu
erzählen. Und wenn man einen Roman schreibt, brauchen die Figuren eine Biografie.
Jeder Mensch ist bestimmt von seiner Biografie, also musste ich den Text ganz
anders schreiben. Zudem ist der geschichtliche Rahmen ungeheuer wichtig. Das
alles wäre nicht passiert ohne die Kreuzzüge. Von den Kreuzzügen weiß man heute
nicht mehr so viel. Auch das hat mich an meiner Arbeit gereizt.
In Ihrer
Interpretation stirbt Nathan, von wem er umgebracht wird, weiß er nicht. Wieso
dieses Ende, Nathan ist doch der Hoffnungsträger für ein friedliches
Zusammenleben?
Ein paar Sachen
habe ich abgeändert. Ich habe überhaupt das ganze Ende verändert. Heute kann
man nicht mehr erzählen, dass Nathans Tochter Recha und der Tempelherr
Geschwister sind. Ich habe daher versucht, die Erzählung logischer zu machen.
Auch die Geschichte von Nathans Frau und ihren sieben Söhnen, die eigentlich in
einem Nebensatz sterben, kann man nach dem Holocaust nicht mehr so erzählen,
man muss sie richtig erzählen. Also habe ich sie richtig erzählt und versucht,
die Bezüge zum Heute darzustellen. Das Land ist heute noch genauso zerrissen
wie es früher zerrissen war. Die Lebensbedingungen sind nicht besser als sie
damals waren und es gibt immer noch so viel Gewalt. Da war es mir einfach
logisch, dass Nathan nicht am Leben bleiben kann.
Nathans Werte werden auch nach seinem Tod weitergetragen
...
Natürlich, er hat eine Tochter. Es ist zwar nicht
seine leibliche Tochter, aber sie ist seine Tochter und sie ist von ihm erzogen
und sie trägt seine Werte weiter.
Die im Zentrum stehende Ringparabel hat eine lange Tradition
und zeigt sich gerade heute wieder hochaktuell. Glauben Sie an eine Koexistenz
der Religionen, wie sie Nathan so eindringlich beschwört – auch wenn er meint,
dass seine Vision wohl nur ein Traum bleibt?
Es ist die einzige Hoffnung, die wir haben. Es gibt nichts
anderes. Man sollte bei diesen Konflikten allerdings ein bisschen vorsichtiger
mit der Religion umgehen. Oft wird die Religion nur vorgeschoben und in
Wirklichkeit geht es um Macht. Das habe ich auch versucht, in meinem Buch zu
zeigen. Ich glaube wirklich, dass Toleranz und Vernunft die einzigen
Möglichkeiten für ein friedliches Miteinander sind. Man muss es nur wollen.
Haben wir diese Vision, diesen Traum denn verloren?
Wir haben zumindest ein bisschen Hoffnung verloren. Ich habe
ja am Schluss der Ringparabel ein Zitat von Martin Luther King eingefügt, eine
wörtliche Übersetzung aus seiner Rede „I have a dream ...“ Seitdem ist viel
Zeit vergangen und doch ist seine Vision immer noch ein Traum.
In Nathan und seine Kinder thematisieren Sie, wie auch in
vielen anderen Büchern, ein historisches Thema. Können wir wirklich aus der
Geschichte lernen?
Wir sollten sie zumindest verstehen und daraus unsere
Utopien schöpfen und unsere Hoffnung, unsere Sehnsucht.
Die Protagonisten
in Ihrem Buch ziehen gleichsam über das Schachbrett des Lebens, das ist auch
ein Bild, das Sie immer wieder verwenden. An ihre Ausgangspositionen wurden sie
je nach Interpretation vom Schicksal oder von ihren Göttern gesetzt ...
Ohne dass sie die
Spielzüge verstehen ...
... und von dort
aus versuchen sie zu selbstständig zu agieren. Oder unterliegen sie weiterhin
einem Schicksal?
Wenn ich das wüsste.
Jeder versucht natürlich zu agieren. Wie weit man es dann tatsächlich kann, ist
eine andere Sache. Aber wir müssen es versuchen.
Was leitet denn Ihre
Figuren, welche Prinzipien sollen uns Leser leiten beim Gang durch das Leben?
Menschlichkeit? Toleranz?
Ja, natürlich. Das ist
wirklich das große Thema.
Welche Bedeutung hat Geschichte für Sie?
Es wird oft gesagt, dass die Menschen aus der Geschichte
nichts lernen. Ich glaube, sie lernen schon etwas, aber es dauert einfach
unendlich lange.
Die Zeitgeschichte – speziell die jüdische Zeitgeschichte – ist Ihnen ebenfalls ein besonderes Anliegen?
Ich bin Jüdin. Ich bin zwar nicht religiös, aber ich weiß selbstverständlich viel. Und es ist natürlich eine besondere Geschichte. Die
Verachtung, die Verfolgung sind immer mit dabei und man muss sich auch immer
wieder rechtfertigen.
Das Leben der Jüdin Anne Frank ist für Sie
ebenfalls ein zentrales Thema. 1988 haben Sie ihr Tagebuch ins Deutsche
übersetzt. Können Sie erzählen, wie es dazu gekommen ist?
Der Vater von Anne Frank
hat sich, so lange er lebte, einer neuen Gesamtausgabe widersetzt. Er hat immer
gesagt, er habe das Wichtigste ausgesucht, was grundsätzlich auch stimmt. 1980
ist er dann gestorben und hat zwei Erben hinterlassen: Der Anne Frank-Fonds in
Basel hat die Verwertungsrechte geerbt und das Kriegshistorische Institut in
Amsterdam die Originale. Nach Otto Franks Tod untersuchten die Wissenschaftler
dort die Originale auf ihre Echtheit und als diese feststand, brachten sie eine
historisch-kritische Ausgabe heraus. In dieser Ausgabe ist alles enthalten, was
Anne Frank geschrieben hat. Sie hatte ja zwei verschiedene Versionen ihres
Tagebuchs verfasst, eine A-Version und eine B-Version. Die A-Version ist das
ursprüngliche Tagebuch, dass sie fortgeführt hat bis zur Verhaftung. Die
B-Version hat sie erst 1944 angefangen und dafür ihr eigenes Tagebuch für eine
mögliche Veröffentlichung umgeschrieben. Diesen Unterschied merkt man deutlich.
Allerdings ist sie mit der zweiten Version nicht mehr fertig geworden, sie kam
nur bis März und im August wurde sie mit ihrer Familie verhaftet.
Wie ist Anne Frank denn auf die Idee gekommen, ihr
Tagebuch zu veröffentlichen?
Sie hat im Radio eine
Sendung gehört, in der ein Minister der niederländischen Exilregierung in
London verkündete, dass man nach dem Krieg ein Institut gründen werde, in dem
alles geordnet, gesammelt und veröffentlicht werde, das zeige, wie das niederländische
Volk unter der deutschen Besatzung gelitten habe. Als Beispiel hat er Predigten
von Pfarrern, Briefe von Zwangsarbeitern oder Tagebücher angeführt. Nach dieser
Sendung schrieb Anne Frank, sie könne es sich ganz gut vorstellen, dass es vielleicht
zehn Jahre nach dem Krieg für die Leute interessant wäre zu lesen, wie die
Juden gelebt, gegessen und geredet hätten. Und noch ein bisschen später schrieb
sie, sie wüsste schon einen Titel für dieses Buch. Ihr Tagebuch könne die
Grundlage dafür sein und sie würde das Buch Das Hinterhaus nennen. Und dann hat
sie angefangen, über ihr Hinterhaus zu schreiben.
Und aus welcher
Version ist die Buchfassung des Tagebuches entstanden?
Die Leserausgabe kann
nur ein Teil aus beiden Versionen sein, weil die eine nicht fertig geworden ist
und von der ursprünglichen Fassung ein ganzes Jahr fehlt - dieser Teil ist
irgendwo im Hinterhaus geblieben und verloren gegangen. Also musste man beide
Versionen verwenden. Das hat Anne Franks Vater sehr geschickt gemacht, das muss man
wirklich sagen. Die vielen Vorwürfe, er hätte gefälscht, stimmen jedenfalls
nicht.
Diese Vorwürfe
kommen ja eher aus dem rechten Eck?
Sie kommen aus dem
rechten Eck, ja. Aber gerade die deutsche Übersetzung war auch nicht besonders
gut. Sie war nicht angemessen, der Ton war nicht angemessen. Otto Frank hat
ganz eindeutig manches weggelassen, man kann das aber auch gut verstehen. Zum
Beispiel ließ er einige Passagen über die Erwachsenen aus, über die Anne
teilweise sehr ungerecht geschrieben hatte. Otto Frank war ein kultivierter,
sehr zurückhaltender Mensch, dem es unangenehm war, solche Aussagen über jene
drucken zu lassen, die sich nicht mehr wehren konnten, weil sie tot waren.
Nach der Übersetzung des Tagebuches sind Sie ja auch zu so etwas wie einer Anne-Frank-Spezialistin geworden
...
Ja, ich habe noch
etliche Texte übersetzt, die zum Umkreis der Tagebücher gehören, auch Texte für
den Anne-Frank-Fonds in Basel und eine Biographie.
Im Oktober erschien mit Grüße und Küsse an alle nun auch die
Geschichte ihrer Familie. Diese stützt sich auf eine Vielzahl bislang
unentdeckter Dokumente, Fotos und Briefe ...
Der letzte noch lebende Cousin von Anne Frank ist der
Schauspieler Buddy Elias. Er wohnt mit seiner Frau Gerti in Basel in einem
Haus, in dem die ganze Familie nach der Emigration aus Frankfurt zusammen
gelebt hat: die Großmutter von Anne Frank, die Tante, zwei Onkel, die Cousins.
Sogar Otto Frank hat nach dem Krieg mit seiner zweiten Frau für längere Zeit
hier gewohnt. Vor einigen Jahren hat nun Gerti Elias angefangen, den Dachboden
des Hauses aufzuräumen. Und dort hat sie da ein Bündelchen Briefe gefunden und
hier ein Bündelchen Fotografien und da einen ganzen Koffer voller Briefe. Das
ganze Material wurde an den Anne-Frank-Fonds in Basel weitergeleitet, geordnet
und archiviert. Erst dann entstand die Idee, aus den Dokumenten ein Buch zu
machen.
Es stand sehr viel Material zur Verfügung. Haben Sie lange
an dem Buch gearbeitet, war die Auswahl schwierig?
Ich konnte gar nicht so lange daran arbeiten, ich hatte
einen Termin. Das Buch sollte unbedingt noch in diesem Jahr erscheinen, weil
Anne Frank 80 Jahre alt geworden wäre. Aber ich habe sehr viel daran
gearbeitet. Klar war für mich, dass ich von drei Figuren, von drei Generationen
aus erzählen muss. Als erste habe ich Anne Franks hinreißende Großmutter
gewählt, die sicherlich die ganze Familie geprägt hat, dann ihre Tante Leni und
als letzten Buddy Elias, der als einziger aus dieser Generation noch lebt.
Ist Ihnen die Figur der Anne Frank näher gekommen?
Sehr viel näher. Sie hat eine einzigartige Begabung gehabt:
aus dem Nichts etwas zu machen. Im Hinterhaus war es ja elend langweilig, außer
Streitereien gab es nichts zu erleben. Erst jetzt habe ich auch verstanden, wie
sehr Anne in ihre Familie eingebettet war, wie stark der Familienzusammenhalt
war. Nicht nur Anne, auch Otto Frank ist mir übrigens näher gekommen. Er kam
mir immer ziemlich dröge und ein bisschen langweilig vor. Wenn man aber die
Briefe an seine Mutter oder seine jüngere Schwester liest, versteht man auf einmal,
was er für ein Mensch war. Für mich ist deutlich geworden, wie sehr er Anne
Frank geprägt hat.
Mit wurde bei der
Lektüre Ihres Buches jedenfalls klar, wieso Anne Frank so gerne geschrieben hat
...
Für mich ist Anne Frank
seit der Entdeckung dieser Briefe nicht mehr Amsterdam, Hinterhaus,
Abgeschiedenheit und Versteck, sondern zu ihr gehört nun auch ihre Frankfurter
Geschichte, das deutsche Bildungsbürgertum. Die Frank-Kinder konnten alle
mehrere Sprachen, sie hatten Lehrer für Englisch, Französisch, für Italienisch.
Und sie wurden angehalten, sehr früh sehr viel zu schreiben. Überhaupt hatte
jeder in der Familie Frank das Bedürfnis, sich mitzuteilen. Wenn in dieser
Familie einem etwas passierte, wurden alle anderen informiert, es wurde darüber
geredet und geschrieben. Das ist wirklich erstaunlich.
Welche Zielgruppe
hatten Sie eigentlich im Sinn? Meiner Meinung könnte sich das Buch durchaus
auch an Jugendliche richten, selbst wenn die Aufmachung eher auf erwachsene
Leser hindeutet.
Ich wollte, dass es sich liest wie ein Roman. Und
ein bisschen wollte ich, dass es Jugendliche lesen können – auch wenn ich eine
Ausrichtung auf Zielgruppen immer ein bisschen schwierig finde. Es sollte sich
jedenfalls locker lesen. Die Schwierigkeit war, dass es sich nicht um eine
Korrespondenz handelt, es ist eine Einbahnstraße. Deswegen musste ich eine Form
finden, die die Zusammenhänge deutlich macht. Und ich wollte auch ein Gefühl
für die damalige Zeit vermitteln.
Sie haben rund 40 Bücher geschrieben und viele Werke übersetzt.
Schreiben oder übersetzen Sie eigentlich lieber?
Ich schreibe lieber, als
dass ich übersetze. Aber ich bin auch sehr dankbar fürs Übersetzen. Ich brauche
nicht jedes Mal ein neues Buch zu schreiben, nur weil ich Geld brauche. Und ich
übersetze auch wirklich gerne. Ich liebe Bücher. Ich mag es, mich auf Bücher
einzulassen. Und beim Übersetzen lässt man sich noch tiefer ein als nur beim
Lesen.
Mirjam Pressler wurde 1940 bei Darmstadt geboren und lebt
heute als freie Autorin und Übersetzerin bei München. Sie hat mehr als 30
eigene Kinder- und Jugendbücher verfasst und über 200 Bücher für Kinder,
Jugendliche und Erwachsene aus dem Niederländischen, Flämischen, Hebräischen,
Afrikaans und Englischen übersetzt. Für ihr Werk wurde sie mit vielen namhaften
Preisen ausgezeichnet, unter anderem 2004 mit dem Deutschen Bücherpreis für ihr
literarisches Lebenswerk.