Henisch, Peter

"Die Welt ist total erlösungsbedürftig"
In seinem neuen Roman Der verirrte Messias (Deuticke) spielt Peter Henisch mit der möglichen Wiederkehr des Erlösers, im Interview spricht er über den Ernst und die Ironie, die es dafür braucht.
Interview: Bettina Führer / Foto: Heribert Corn/www.corn.at
Anzeiger 12/2009
In Ihren Büchern tauchen immer wieder
religiöse Themen und Motive auf – in Ihrem neuen Roman sind Sie einen Schritt
weiter gegangen und haben die Geschichte Jesu neu erzählt. Gab es dafür einen
bestimmten Auslöser?
Der Roman ist im
Grunde kein Jesus-Buch, sondern handelt von jemandem, der sich für den
wiedergekehrten Jesus hält. Und er handelt von einer Frau, Barbara, die in sein
Magnetfeld gerät. Obwohl sie sich lange Zeit dagegen wehrt, verspürt sie doch eine
gewisse Neigung zu ihm. So gesehen ist es auch eine etwas schräg angelegte
Liebesgeschichte. Wenn in diesem Buch etwas aus dem Leben Jesu vorkommt, dann
nur deshalb, weil sich dieser Mann – er nennt sich Mischa Myschkin – auf die
Spur von Jesus begibt. Und weil er dann vielleicht – das ist die
Versuchsanordnung – ein Echo aus einem früheren Leben spürt. Er möchte wissen,
wie diese Orte, von denen er im Neuen Testament gelesen hat, auf ihn wirken.
Und ob die Visionen, die er als Kind und Jugendlicher hatte, etwas zu bedeuten
haben.
Dass ich diese
Geschichte gerade jetzt geschrieben habe, hat sich so ergeben. Nach der
Fertigstellung meines Buches Eine sehr kleine Frau hatte ich zum ersten Mal
seit Jahren kein Projekt, an dem ich gleich weiterarbeiten wollte. Ich war in
Italien, wo ich einen Teil meiner Zeit zubringe. Wenn ich dort bin, lese ich
gern italienisch, speziell Texte, die ich auf Deutsch schon kenne, weil sich
durch die andere Sprache neue Deutungen und Sichtweisen auftun. Diesmal habe
ich das Markus- und das Matthäus-Evangelium gelesen und bei der Gelegenheit
Assoziationen über Gott und die Welt – im wahrsten Sinne des Wortes – notiert.
Diesen Fundus wollte ich nun einmal nutzen. Im Grunde habe ich das seit
Jahrzehnten im Kopf. Das Interesse an diesen Stoffen hat sich ja auch schon in
einigen meiner vorherigen Werke niedergeschlagen. Im Unterschied zu vielen
meiner Generationsgenossinnen und -genossen habe ich auch in links engagierten
Zeiten die Beschäftigung mit Religion nicht als reaktionär empfunden. Für mich
war Engagement und Religion nie ein Widerspruch. An der Bibel hat mich immer
auch das Widerständige interessiert. Im Grunde genommen sind die Propheten, die
Apostel und Jesus doch Leute, die mit dem Zustand der Welt, so wie sie ist, nicht
zufrieden waren und auf eine radikale Veränderung hofften.
Myschkin stellt sich Olga mit den Worten
„Ich bin Jesus, aber das nützt auch nichts“ vor. Ist die Welt, ist die
Menschheit noch zu retten?
Jesus hat das
Reich Gottes angekündigt – das dann allerdings nicht so schnell kam wie
erwartet. Theologisch nennt man das Parusieverzögerung. Das klingt für mich
immer ein bisschen wie eine sexuelle Hemmung. Die große Erfüllung, die
angekündigt wird, aber nicht kommt. Inzwischen sind 2.000 Jahre vergangen, die
Welt ist angeblich erlöst, aber man merkt sehr wenig davon. Irgendwas kann da
nicht stimmen, irgendwas ist schief gelaufen. So denkt mein Myschkin, der sich
darüber den Kopf zerbricht. Außerdem hat er das Problem, dass er als
wiedergekehrter Jesus womöglich die Apokalypse auslöst. So steht es ja in der
Geheimen Offenbarung. Und das kann er ja nun nicht wirklich wollen. Allerdings
hat er den Verdacht, dass die Wiederkehr Christi als Initialzündung für das
Weltende gar nicht vonnöten ist. So wie es aussieht, bringen das die Menschen
ganz allein fertig.
Im Titel des Romans wird der möglicherweise
wiedergekehrte Messias als „Verirrter“ bezeichnet und Sie beschreiben ihn auch
als orientierungslos und seines Auftrags unsicher. Müsste er als Messias nicht
wissen, wo es langgeht?
Verirrt hat im
Roman eine Doppelbedeutung: Zunächst einmal ist er geografisch verirrt – obwohl
er durchaus einen Plan hat, ganz desorientiert ist er nicht, aber dieser Plan
wird sofort über den Haufen geworfen als er in Israel ankommt und dort auf
Pseudo-Rumsfeld trifft.
Einen
Doppelgänger des ehemaligen US-Verteidigungsministers, der ihn für die Politik
der fundamentalistischen amerikanischen Rechten und als Galionsfigur für die
„letzte Schlacht“ einspannen will. Vor so einem kann man ja nur davonlaufen.
Mischa versucht ihm auszuweichen und verirrt sich mit seinem Leihwagen am Rand
der Wüste.
Neben der
geografischen Verirrung gibt es aber auch eine mögliche Verirrung innerhalb der
Zeit. Mischa kommt auf die Idee, dass er ehemals, durch einen Fehler im
himmlischen Rechenzentrum, 2.000 Jahre zu früh dran war. Eigentlich sollte er
erst jetzt erscheinen. Das würde die Parusieverzögerung ganz gut erklären, aber
das löst sein Problem leider auch nicht. Das Problem ist, dass die Welt zwar total
erlösungsbedürftig erscheint, aber keine Lösung in Sicht ist. Wenn er vor
dieser Mauer im so genannten Heiligen Land steht, die Palästinenser und
Israelis trennt, dann ist das ein sehr sinnfälliges Bild für die Unerlöstheit
der Welt.
Waren Sie in Israel, um sich ein Bild von der
aktuellen gesellschaftspolitischen Situation zu machen?
Ich habe erwogen
hinzufahren, habe es aber dann bei einer Geistreise bewenden lassen. Natürlich
habe ich mich informiert, meine Frau ersucht, mir dies und das aus dem Internet
abzurufen, viel geschmökert. Interessanterweise haben viele Leser – angefangen
von Adolf Holl, der einer der ersten
Leser des Romans war – gefunden, ich hätte das heutige Israel besonders
authentisch beschrieben. Das ist halt eine Form von Empathie, nicht nur im
Bezug auf Personen, sondern auch im Bezug auf Gegenden und Zustände, die zum
Schreiben dazugehört. Autoren sollten diese Gabe haben.
Ihr Protagonist Mischa Myschkin ist ein
Flüchtling aus der ehemaligen Sowjetunion. Warum hat er seine Wurzeln gerade
dort – nur wegen des Bezugs zu Dostojewski oder hat das noch andere
Hintergründe?
In der ehemaligen
Sowjetunion war der Atheismus Staatsreligion. Mischas Idol war Juri Gagarin,
von Jesus war keine Rede. Er hatte auch keine Großmutter, die ihm biblische
Geschichten erzählt hätte, er ist zu diesen Visionen gekommen wie die Jungfrau
zum Kind. So erzählt er es zumindest Barbara, das kann sie glauben oder auch
nicht.
Natürlich besteht
auch die Verbindung zu Dostojewski. Mit dem Fürsten Myschkin aus dem Roman „Der
Idiot“ teilt ja Mischa nicht von ungefähr den Nachnamen. Diese Assoziation
beruht auf der Tradition des Gottesnarrentums in Russland – einer, der im Sinne
der Normalität etwas fragwürdig erscheint, könnte jemand sein, den Gott
besonders liebt. Mit solchen Assoziationen beginnt ja auch Der Idiot.
Neben der biblischen und der politischen Ebene des
Romans erzählen Sie eine ungewöhnliche Liebesgeschichte: Barbara ist eine
abgeklärte, realistische Literaturkritikerin, die zunächst mit Myschkin gar nichts
anfangen kann. Zum Schluss sorgt sie für ihn, liebt ihn, bringt ihn von den
Drogen weg. Wer rettet hier eigentlich wen?
Wer hier wen
retten soll, ist die Frage. Vorerst fühlt sich Barbara von Mischa „spirituell
belästigt“. Als Literaturkritikerin findet sie biblische Stoffe jenseitig. Doch
sie kann sich der Suggestivkraft, die Mischa hat, wenn er erzählt, nicht ganz
entziehen. Obwohl sie das versucht. Zunächst lehnt sie ja die Magdalena-Rolle
ab, die Mischa ihr anbietet. Doch als er diese Rolle dann der Oligarchen-Gattin
Olga anträgt, die er in Israel kennenlernt, wird sie eifersüchtig. Es ist aber
nicht nur die Eifersucht, es ist auch die Sorge, durch die sich die unversehens
erwachende Liebe hier manifestiert. Vor allem als Mischas Briefe aus Israel
plötzlich ausbleiben.
Zum Schluss kommt
auch noch ein Krankenschwesternsyndrom dazu. Sie muss ihm helfen, sie will ihm
helfen, sie hilft ihm auch. Sie macht ihm das Angebot, seine ganze Geschichte
als Literatur aufzufassen und sie somit produktiv loszuwerden. Nur klappt das
ja dann auch nicht. Mischa wehrt sich gegen diese Patentlösung.
Am Ende des
Romans öffnet sich aber wieder eine Perspektive . Die Schlussszene ist ja von
der Geschichte mit den Emmaus-Jüngern inspiriert. Da kommt wieder Hoffnung auf,
wo man sie kaum mehr erwartet. Bei aller Ironie. Und so sollte der Schluss auch
sein.
Ein offener Schluss. Barbara steht an der
Schwelle und sieht diese Szene. Sie kann eintreten oder draußen bleiben. So ist
es auch mit den Lesern und Leserinnen. So ein Schluss ist ein Angebot. So ein
Buch ist ein Angebot. Nicht mehr und nicht weniger.
Es geht darin allerdings um wichtige Dinge.
Um Dinge, in denen es auch im Neuen Testament geht: also Glaube, Liebe,
Hoffnung. Natürlich geht es da wie dort auch um Verzweiflung. In Mischas
Entwicklung wird sie passagenweise sehr radikal dargestellt.
Auch das bei
aller Ironie. Das ist aber keine zynische Demontage. Verzweiflung, so heißt es
bei Kierkegaard, ist die Krankheit zum Tode. Aber sie ist nicht das letzte
Wort, aus dieser Verzweiflung kann man wieder rauskommen. Vielleicht durch
Liebe. Liebe ist ja was ganz wichtiges in der Literatur, im Neuen Testament und
bei den Beatles.
Dostojewski hat den Idiot in einem
Dreivierteljahr geschrieben, heißt es. Wie lange haben Sie an dem „Verirrten
Messias“ gearbeitet?
An diesem Buch
habe ich relativ kurz gearbeitet, ein Jahr. Sonst brauche ich für meine Bücher
zwei bis fünf Jahre – je nach Umfang. In diesem Falle war es aber so, dass sehr
viel in meinem Kopf abrufbar war an Inhalten, Bildern, Vorstellungen und
Assoziationen. Da ist es also erstaunlich schnell gegangen.
Letzthin kommt mir öfter das Wort
Rückverbindung in den Sinn. Übersetzt heißt das bekanntlich religio. Religion
ist halt ein Medium der Rückverbindung. Aber auch die Literatur ist so ein
Medium. Da wie dort geht es um Erinnerung.
In diesem Fall habe ich halt aus dem Vollen
geschöpft. Ich habe Erinnerung reaktiviert, kollektive und subjektive. Gewiss
auch persönliche Erinnerung – schon immer interessiert mich ja auch die
Rückverbindung zu meinen Wurzeln, meiner Herkunft. Und natürlich interessiert
mich auch die Herkunft des Christentums aus dem Judentum.
Dieses Buch ist ein noch intensiveres
Eingehen auf die politischen, religiösen und literarischen Interessen, die ich
von früh an hatte. Die haben sich vielleicht vertieft, aber geändert haben sie
sich nicht. Literatur ist ja ein Spektrum menschlicher Möglichkeiten, die immer
wieder aufs Neue verwirklicht werden, indem man mit ihnen spielt. Aber dieses Spiel
ist auch eine Hundsarbeit. Ich meine: Auch wenn es diesmal überraschend schnell
gegangen ist: So ein Buch beutelt man nicht aus dem Ärmel.
Haben Sie schon einen Idee, womit Sie sich als
nächstes beschäftigen?
Ja, ich habe noch
eine Menge Ideen. Unlängst habe ich eine Liste erstellt. Es gibt noch
mindestens sieben Bücher, die ich schreiben möchte. Das wird mir vielleicht – ich sage das mit aller angebrachten Ironie, aber auch im Ernst – mit Gottes
Hilfe gelingen.
Peter Henisch wurde 1943 in Wien geboren, er studierte
Germanistik, Philosophie, Geschichte und Psychologie. Er ist Mitbegründer der
Zeitschrift Wespennest, seit 1971
arbeitet er als freier Schriftsteller und lebt in Wien. Er veröffentlichte u.
a.: Die kleine Figur meines Vaters
(1975), Pepi Prohaska Prophet (1986),
Steins Paranoia (1988), Morrisons Versteck (1991), Vom Wunsch, Indianer zu werden (1994), Schwarzer Peter (2000). Für sein Werk erhielt er zahlreiche
Preise und Auszeichnungen, mit seinen Romanen Die schwangere Madonna (2005) und Eine sehr kleine Frau (Deuticke, 2007) war er auf der Longlist zum
Deutschen Buchpreis. 2009 ist Der
verirrte Messias im Deuticke Verlag erschienen.
Peter Henisch
Der verirrte Messias
Deuticke Verlag
EUR 25,60
ISBN 978-3-552-06116-3