Prinz, Alois

Die Leben der anderen
In seinem jüngsten Buch hat der Biograf Alois Prinz die
Vaterbeziehung berühmter Persönlichkeiten aufgearbeitet – und quer durch die
Jahrhunderte die gleichen Muster entdeckt.
Interview von Bettina Führer, Foto von Christina Häusler
Anzeiger 09/2010
Die Auswahl der "rebellischen Söhne", die Sie porträtieren,
mutet sehr eklektisch an: Hermann Hesse, Bernward Vesper, Franz von Assisi,
Martin Luther, Franz Kafka, Klaus Mann, Michael Ende ... Warum haben Sie sich
genau für diese Persönlichkeiten entschieden?
Das sind alles Lebensgeschichten, in denen Vater-Sohn-Konflikte
im Vordergrund stehen. Viele der Konflikte sind wirklich extrem und daher
beispielhaft. Darüber hinaus hat die Auswahl auch einen einfachen
handwerklichen Grund: Ich brauchte Fälle, wo das Material da ist, wo man
Tagebücher und Briefwechsel hat, mit denen man arbeiten kann. Mir war auch
wichtig, dass das Vater-Sohn-Verhältnis bei jedem Fall ein bisschen anders
gelagert ist, damit ich die verschiedensten Schattierungen zeigen kann. Die
Einzelgeschichten sollten sich schlussendlich zu einem Gesamtbild fügen. Im
Hintergrund sollte quasi ein Gespräch über das Vater-Sohn-Dasein stattfinden,
das von jeder Geschichte um einen Aspekt bereichert und vertieft wird.
Gibt es auch wiederkehrende Muster in den verschiedenen
Vater-Sohn-Beziehungen?
Dass es einen roten Faden durch die verschiedenen
Vater-Sohn-Beziehungen gegeben hat, war für mich die wichtigste Entdeckung beim
Schreiben dieses Buches. Ich bin immer wieder auf gleiche Konstellationen und
Erfahrungen gestoßen. Das war insofern überraschend, als die Persönlichkeiten
zu ganz unterschiedlichen Zeiten gelebt haben und ebenso verschiedene
Hintergründe aufweisen. Ich dachte, daraus würden sich auch ganz verschiedene
Geschichten ergeben, aber offenbar gibt es menschliche Grundmuster, die sich
beständig wiederholen.
Es scheint fast ein Naturgesetz zu sein, dass Väter und
Söhne ein angespanntes Verhältnis zueinander haben. Fast unweigerlich kommt es
irgendwann einmal zur Rebellion der Söhne und da kracht es zum Teil ordentlich.
Diese Vatermorde – im übertragenen Sinne – waren für mich noch einleuchtend.
Das wirklich Überraschende war, dass die Söhne, nachdem sie ihre Väter gestürzt
hatten, diese vermissten und sich neue Vaterfiguren oder einen Vaterersatz
gesucht haben. Solange der Vater da ist, will man ihn überwinden, ist er weg,
sehnt man sich nach ihm.
Bei einigen Geschichten ist ja auch die Sehnsucht nach
einer Versöhnung mit dem Vater sehr stark.
Bei zwei Geschichten habe ich mit dem Tod des Vaters
angefangen. Damit verbunden war immer das Leiden der Söhne, dass zu Lebzeiten
des Vaters eine Aussöhnung nicht mehr gelungen ist. Dieses Versäumnis hat das
Leben der Söhne in der Regel sehr geprägt. Diese Söhne wollten ihre Väter früh
loswerden. Aber das erwies sich als unmöglich. Es ist eine Illusion, gänzlich
aus der väterlichen Welt ausbrechen zu können. Das wird vor allem dann
augenfällig, wenn die Söhne selbst Väter werden. Ich finde es sehr spannend,
wie sie mit ihrer Erfahrung als Sohn in der Erziehung ihrer eigenen Söhne
umgehen.
Es selbst besser zu machen, gelingt ja nicht immer. Sie
haben ja auch die komplizierten Verhältnisse von Bernward Vesper oder Hermann
Hesse zu ihren Söhnen beschrieben.
Das misslingt oft. Es gibt diesen wunderbaren Film von
Michael Haneke, Das weiße Band, der zeigt, dass Fehler, die in einer
Generation passieren, in die nächste getragen werden. Da kann man fast schon
von Fatum sprechen. Dem entkommt man nicht, oder nur schwer. Das kennt man ja
von sich selbst auch. Plötzlich entdeckt man, dass man in der Erziehung seiner
Kinder Worte und Gesten der eigenen Eltern verwendet, obwohl man sich
vorgenommen hatte, alles ganz anders zu machen. Oft treten die gleichen
Verhaltensweisen aber nur in anderer Gestalt auf.
Wie nähern Sie sich den Persönlichkeiten, über die Sie
schreiben? Und wie vermeiden Sie es, Ihre eigene Geschichte in den Biografien
mitzuschreiben?
Das will ich gar nicht
vermeiden. In den Büchern ist immer auch meine Geschichte enthalten. Während
ich an „Rebellische Söhne“ gearbeitet habe, ist mein Vater gestorben. Ich hatte
immer ein sehr schwieriges Verhältnis zu ihm und das war auch ein Grund dafür,
dass mir das Thema so nahe gegangen ist. Man kann nicht schreiben, ohne
indirekt eigene Erfahrungen einfließen zu lassen. Das wäre aufgesetzt und die
Leser merken das sofort. Es ist mir sehr lieb, dass ich über andere schreiben
kann und trotzdem selbst präsent bin. Paradoxerweise ist es ja so, dass ich
gerade dann andere Leben besser verstehen kann, wenn meine eigene Geschichte
mitschwingt.
Der Blick auf historische Persönlichkeiten ist ja oft von
Anekdoten und Legenden verstellt, wie schafft man es, mit einem frischen,
unvoreingenommenen Blick auf die Biografien zu schauen?
In Legenden steckt viel Wahrheitsgehalt. Selbst wenn sie
keinen fundierten historischen Hintergrund haben, sagen sie etwas über die
Person aus. Damit muss man umgehen können und einen Blick dafür haben, was zu
einer Person passt und was nicht. Das gehört zum Handwerk des Biografen.
Was fasziniert Sie darüber hinaus am Schreiben von
Biografien?
Mich fasziniert, dass ich über Figuren schreiben kann,
die tatsächlich gelebt haben und die ich anhand von Tagebüchern und Briefen
wiederaufleben lassen kann. Dabei geht es mir nicht nur um das Zusammentragen
von historischen Daten und Fakten, denn diese allein tun uns nicht den
Gefallen, Zusammenhänge zu schaffen. Das leistet nur die Literatur. Und das ist
es, was ich machen möchte – Geschichten erzählen.
Dabei ist keine der literarischen Biografien wie die andere.
Je nach Persönlichkeit bedarf es anderer Herangehensweisen, auch die
Materiallage ist sehr unterschiedlich. Das ist immer wieder eine neue
Herausforderung. Im Idealfall schlüpfe ich in ein anderes Leben hinein und
versuche gleichzeitig, es von außen zu sehen. Das geht oft so weit, dass ich
monatelang wie eine Figur denke und fühle. Das ist sehr intensiv, aber
ungeheuer aufregend.
Beschäftigen Sie sich hauptsächlich mit
Persönlichkeiten, zu denen Sie gleich einen Zugang finden oder ist Ihnen das
erstmal nicht so wichtig?
Was da wirklich
ausschlaggebend ist, kann ich gar nicht sagen. Es ist irgendwann ein Punkt da,
an dem ich weiß, dass das funktionieren wird. Bei Persönlichkeiten, die mir
sofort nah und vertraut sind, stellt sich das Gefühl meistens nicht her. Es
muss schon auch etwas da sein, das ich nicht verstehe. Erst dann ergibt sich
eine Spannung aus Attraktion und Fremdheit. Wenn das Schreiben nicht auch eine
Suche wäre, würde mir schnell langweilig werden. Das Schreiben ist für mich ein
Erforschen. Ich möchte den Menschen auf die Spur kommen, aber nicht so, dass
sie zum Schluss ganz greifbar sind. Ich stelle sie vielmehr auf eine Bühne.
Man muss sehen können, wer der Mensch war, auch wenn man es nicht benennen
kann.
Funktioniert das immer oder gibt es auch Menschen, die
weniger hergeben als Sie geglaubt haben?
Das kommt schon vor.
Auch in dem Väter-Söhne-Buch hatte ich Beispiele, bei denen ich gemerkt habe,
dass mich das einfach nicht mehr interessiert. Ich wollte beispielsweise den
Preußenkönig Friedrich mit seinem Sohn reinnehmen. Das hat nicht geklappt. Oft
ist die Bekanntheit eben nicht das Entscheidende. Im umgekehrten Fall können
auch Biografien wie die von Thomas und Klaus Mann, die man nun wirklich gut
kennt und wo man denkt, dass dazu schon alles gesagt ist, noch spannend sein
und von einer anderen Seite beleuchtet werden.
Ihre Bücher richten sich in erster Linie an jugendliche
LeserInnen. Sind Jugendliche, die sich intensiv mit Identitätsfindung und der
Frage nach dem eigenen Lebensweg auseinandersetzen, besonders empfänglich für
Biografien?
Meiner Erfahrung nach ja. Ich bin sehr viel in Schulen und
bekomme Briefe, die mir beweisen, wie sehr Jugendliche danach dürsten, sich an
bestimmten Figuren zu orientieren. Weniger an solchen, die für
gewöhnlich als Vorbilder gepriesen werden. Die sind oft zu glatt. Interessanter
und faszinierender sind Personen, die einen gebrochenen Lebenslauf aufweisen,
die etwas probiert haben, sich riskiert haben und dabei vielleicht gescheitert
sind. Das verstehe ich selbst sehr gut. Man wächst in einem bestimmten Milieu
auf und das setzt einem Grenzen. Viele Bedürfnisse und Wünsche nimmt man nicht
einmal wahr oder man traut sich nicht, sie zu äußern, geschweige denn zu leben.
Da ist es ganz wichtig, von Menschen zu erfahren, die mit ähnlichen Fragen
und Problemen gerungen haben. Die einen darin bestärken, zu Gefühlen zu stehen
und Dinge zu denken und zu tun, die im normalen Umfeld mit Tabus belegt sind.
Solche Vorbilder helfen, die eigene Persönlichkeit auszubilden. Nicht in dem
Sinn, dass man seine Vorbilder kopiert, sondern dass sie einen befreien, eigene Wege zu gehen.
Für die meisten Jugendlichen sind Popstars,
Hollywood-SchauspielerInnen und Models Leitfiguren. Kann man sie mit der
Lebensgeschichte des Apostels Paulus oder der von Hannah Arendt begeistern?
Hinter der Verehrung von
Popstars oder Schauspielern steckt ein wahres Bedürfnis. Jedes Mädchen, jeder
Junge träumt davon, berühmt zu sein, auf der Bühne zu stehen, wichtig zu sein.
Aber die meisten Stars sind ja nur von der Kulturindustrie gefertigte Muster,
in die Jugendliche ihre Wünsche hineinprojizieren können. Was dabei
übersprungen wird, ist eine persönliche Entwicklung. Jeder möchte sozusagen
sofort vom Wohnzimmersofa auf die Bühne katapultiert werden. Was dabei
herauskommt, ist nur die Illusion von Bedeutung. Jugendliche werden dabei doch
überhaupt nicht ernst genommen.
Mir ist es wichtig,
Vorbilder zu zeigen, die eine Entwicklung durchgemacht haben und die jeden, der
sie nur nachmachen will, zurückstoßen und sagen. Nein, Du kannst mich nicht
kopieren, Du musst schon bei Dir selber anfangen und herausfinden, was Deine
Stärken und Schwächen sind. Ein Apostel Paulus hat gegen die umjubelten Stars
seiner Zeit gekämpft. Er selber war ein ziemlich zerrissener Typ, und er
wusste, dass man mit Vorschriften, guten Absichten und tollen Versprechungen
nichts erreichen kann, und dass man sich erst mal ernst nehmen und annehmen
muss, bevor man sich verändern kann. Das ist unglaublich aktuell. Im Vergleich
mit einem Kaliber wie Paulus sind viele der heutigen Popstars doch nur hohle
Kunstprodukte. Das will ich Jugendlichen vermitteln – und oft klappt das auch.
Welchen Titel hätte Ihre Autobiografie, würden Sie denn
eine schreiben?
Mich hat einmal jemand gefragt, ob
ich möchte, dass einmal jemand über mich eine Biografie schreibt. Ich habe
geantwortet: Um Gottes Willen nein! Wer will das schon? Man denkt immer, man
wisse über sich selbst am besten Bescheid und ein Fremder könne nicht über
einen urteilen. Das ist, glaube ich, ein Irrtum. Jeder ist in einem gewissen
Maße in sich gefangen und damit befangen. Ein Blickpunkt von außerhalb kommt
einem viel näher, als man es selber kann. Aber dieser Blick muss
unvoreingenommen sein und er darf nicht richten und voreilig urteilen.
Im Grunde genommen mache ich das
auch. Ich betrachte mich über den Umweg anderer Lebensgeschichten. Insofern ist
in jeder Biografie ein Stück Autobiografie und man könnte darüber den Titel
setzten: Ich und die Leben der anderen.
Alois Prinz, 1958 in Wurmannsquick/Niederbayern
geboren, studierte Germanistik, Politologie, Philosophie und
Kommunikationswissenschaften und promovierte 1988 mit einer Arbeit über die
68er Studentenbewegung und ihren Einfluss auf die Literatur. Bis 1994 arbeitete
er als freier Journalist und verfasste wissenschaftliche Texte. Mittlerweile
konzentriert er sich auf das Schreiben von Biografien. 2001 erhielt er für
seine Hannah-Arendt-Biografie den Evangelischen Buchpreis. Ebenfalls 2001 wurde
seine Hesse-Biografie für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Im
Jahre 2004 erhielt seine viel besprochene Biografie Lieber wütend als
traurig. Die Lebensgeschichte der Ulrike Meinhof den Deutschen
Jugendliteraturpreis. Neben diesen Werken erschienen bei Beltz & Gelberg
seine Biografie über Georg Forster, Franz Kafka und den Apostel Paulus. Zuletzt
erschien Rebellische Söhne.
Alois Prinz liest am 19. November um 9.30 Uhr im Literatur Café auf der
BUCH WIEN 10.