Lafontaine, Oskar
Interview: Ernst Grabovszki

Oskar Lafontaine, einst Ministerpräsident des Saarlands,
hat sich 1999 aus der Politik zurückgezogen – und ist vor kurzem wieder
zurückgekehrt. In seinem jüngsten Buch „Politik für alle“ (Econ Verlag) rechnet
er nicht nur mit der Sozialpolitik in Deutschland ab.
„Politik für alle“ nennt sich Ihr jüngstes Buch, und der
Untertitel verrät, dass es sich um eine „Streitschrift für eine gerechte
Gesellschaft“ handelt. Was sind denn die Kardinalfehler sowohl der deutschen als
auch der globalen Politik?
Ich sehe einen Unterschied zwischen der deutschen und der
globalen Politik. Die Deutschen glauben, dass sie mit einer sparsamen
Haushaltspolitik, einer zurückhaltenden Lohnpolitik – zurzeit sind es in
Wirklichkeit Lohnkürzungen – und der europäischen Geldpolitik Wachstum haben
könnten. Die übrige Welt, Beispiel Amerika oder Großbritannien, weiß, dass man
mit einer expansiven Finanzpolitik und einer den Spielraum ausschöpfenden
Einkommenspolitik Wachstum erzeugt. Sie erzielen damit gute Ergebnisse,
Deutschland hingegen ist unter den großen Industriestaaten seit Jahren
Schlusslicht. Es gibt sozusagen einen Dreiklang ökonomischer Unvernunft in
Deutschland: sparsame Haushaltspolitik, Lohnkürzungen und einer der deutschen
Wirtschaft nicht angemessene Geldpolitik der europäischen Zentralbank.
Ihr Buch stellt nun eine Reihe von Alternativen zur
gegenwärtigen Politik vor und propagiert einen Kurswechsel.
Für wie realistisch halten Sie denn die Umsetzbarkeit
dieser Alternativen?
Es muss ein Umdenken stattfinden, das im Grund sehr einfach
ist: Die deutschen Diskussionsteilnehmer, die überwiegend
betriebswirtschaftlich argumentieren, müssen wissen, dass eine Volkswirtschaft
nicht wachsen kann, wenn es dem Volk schlecht geht. Um meine Empfehlungen
verständlich zu formulieren, sage ich: Wenn euch nichts anderes einfällt,
orientiert euch in der Finanz-, Lohn- und Geldpolitik an Amerika oder
Großbritannien.
Sie haben bereits mehrere Bücher verfasst. Warum nutzen
Sie gerade das Medium Buch, um ein Publikum zu erreichen, es ist ja ein relativ
langsames Medium verglichen mit den mitunter schnellen Inhalten, die sich rasch
ändern können?
Ich habe im Fernsehen und über Zeitungen die Möglichkeit,
schnell ein Publikum zu erreichen. Das Buch ist immer anders: Man kann darin
ausführlich auch die Grundlagen darstellen, auf denen das eigene politische
Denken aufbaut. Insofern ist das Buch nicht tagesaktuell, sondern es soll, wenn
es gelungen ist, dem Leser immer auch klar machen, von welchen philosophischen
und anthropologischen Grundkonzeptionen aus der Betreffende seine Politik
formuliert und sie im Alltag praktiziert. Deshalb ist das Buch unverzichtbar
und wichtig.
Der letzte Satz des Buches lautet: „Die Profiteure der
Umverteilung von unten nach oben werden aber erst zurückweichen, wenn das Volk
aufbegehrt.“ Das klingt sehr nach Revolution, haben Sie daran gedacht?
Um die Situation zu kennzeichnen, habe ich im Vorwort
bewusst den Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl
Lehmann, zitiert, der von einer vorrevolutionären Situation sprach und habe
selbst meine Skepsis geäußert. Der letzte Satz soll den Lesern sagen: Ihr müsst
selbst etwas tun, sonst passiert nichts.
Wenn man sich aber nun die jüngsten Reaktionen der
Bevölkerung in der BRD auf Hartz IV ansieht, sieht es nicht nach Aufbegehren
aus. Sind die Menschen zu passiv der Regierung gegenüber?
Demonstrationen sind immer nur Aktionen des Moments, und
ganz selten können sie über lange Zeiträume aufrecht erhalten werden. Insofern
war es nicht verwunderlich, dass die Demonstrationen gegen Hartz IV und die
Agenda 2010 nach einigen Wochen schlicht eingestellt wurden. Die permanente
Demonstration des deutschen Volkes ist die massive Wahlenthaltung. In diesem
Ausmaß kannte wir das bisher nicht. Das ist für mich ein starker Protest gegen
die jetzige Politik. Wenn die beiden großen Volksparteien im Osten zusammen nur
noch dreißig Prozent der Wahlberechtigten erreichen, müsste jeder Demokrat
sagen: Das ist ein Alarmsignal!
Um noch einmal auf das Medium Buch zurückzukommen: Kann
das politische Buch Handlungen hervorrufen, kann es bewegen, aufmuntern?
Ich glaube, dass es denen, die ähnliche Kritik wie ich
haben, eine Stütze ist. Insoweit ist es ein Beitrag, das kritische Denken im
besten Sinn der Aufklärung auch in Deutschland wach zu halten.
Es kam die Kritik, dass jemand, der keine politischen
Ämter mehr hat – Sie haben sich 1999 von allen politischen Ämtern zurückgezogen
–, leicht reden kann. Wie sehen Sie Ihre Rolle heute?
Das überrascht mich, denn diese Kritik kam von Journalisten,
sie würde aber zu dem Ergebnis führen, dass Journalisten gar nichts mehr
schreiben dürften, weil sie noch nie ein politisches Amt innehatten und noch
nie für etwas gerade gestanden haben. Jemandem, der dreißig Jahre Verantwortung
getragen hat und damit länger als die meisten anderen Politiker, kann man es
nicht verwehren, weiter in die politische Debatte einzugreifen. Ich nehme
dieses Argument also schlicht nicht ernst. Im Übrigen beruhen meine Vorschläge
in diesem Buch – und ich habe einen ganzen Katalog von Vorschlägen am Ende
zusammengefasst – auf meiner dreißigjährigen Erfahrung in der Politik.
Sie arbeiten an einem neuen Buch?
Ich schließe nicht aus, noch etwas zu veröffentlichen, aber
wenn man gerade ein Buch abgeschlossen hat, denkt man nicht sofort an das
nächste. Im Moment stelle ich Politik für alle in ganz Deutschland vor.
Die Reaktionen der Leser und Zuhörer ermutigen mich.
Oskar Lafontaine
Politik für alle.
Streitschrift für eine gerechte Gesellschaft
Econ Verlag
ISBN 3-430-15949-0/MM
EUR 20,60
Oskar Lafontaine, geboren 1943, seit 1966 SPD-Mitglied,
war ab 1985 Ministerpräsident des Saarlands. Mit Gerhard Schröder schaffte er
1998 dem Machtwechsel zur Rot-Grün. Im März 1999 trat er wegen unüberbrückbarer
politischer Differenzen mit dem Bundeskanzler von allen politischen Ämtern
zurück. Seine Bücher „Das Herz schlägt links“ (1999) und „Die Wut wächst“ (2002) wurden Bestseller.