Lehner, Fritz
Interview: Ernst
Grabovszki

Nach seinem Roman „R“ arbeitet Autor und
Regisseur Fritz Lehner an einer Trilogie über das berüchtigte Hotel Metropol in
Wien, das von 1938 bis Kriegsende Gestapo-Leitstelle war. Der erste Teil ist
eben im Seifert Verlag erschienen.

Das Hotel Metropol am Morzinplatz 4 war seit
1938 die Gestapo-Leitstelle Wien. Was ist hier passiert? Was waren die Aufgaben
der Leitzentrale?
Von 1938 bis 1945
wurden im ehemaligen Hotel Metropol zigtausende Österreicher aus allen
Schichten und Konfessionen verhört, gefoltert, eingesperrt und zum Teil so weit
gebracht, dass sie dann von den Gerichten verurteilt, oft hingerichtet werden
konnten. Im Hotel gab es 500 Zimmer, mehr als 260 hat die Gestapo für sich
beansprucht. Aus einem ehemals luxuriösen Hotel wurde also ein Ort des
Schreckens, wo das passiert ist, was in allen Diktaturen passiert: Menschen,
die anderer Gesinnung sind, wurden „behandelt“, wie es in diesem Fall zynisch
geheißen hat.

Wie sind Sie
auf dieses Thema gestoßen?
Dieser Ort ist
kaum mehr im Bewusstsein der österreichischen und auch nicht der Wiener
Bevölkerung. Das hat verschiedene Gründe: Das Gebäude steht nicht mehr, das
macht viel aus. Die Gedenkstätte ist sehr ehrenhaft, aber unauffällig, und der
Gedenkstein am Morzinplatz ist nicht so eindrucksvoll, dass er einen an die
Ereignisse wirklich erinnert, und die kleine Gedenkfeier, die hier einmal im
Jahr stattfindet, ist wenig im Vergleich zu anderen derartigen Bemühungen. Und
im Hotel Metropol wurden Österreicher von Österreichern gefoltert.

Hotel Metropol, Morzinplatz (Bildquelle: Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes)
Da wurden
Menschen von Menschen verhört, gefoltert usw., denen sie Jahre später auf der
Straße begegnen konnten. Das erschwert die Auseinandersetzung damit. Was für
das Wegschiebenkönnen, -wollen und -müssen ebenfalls eine Rolle gespielt hat,
war das Spitzelwesen. Die Gestapo selbst war zum Teil ein fürchterlich
unordentlicher Haufen, vieles war schlecht organisiert. Höchst effizient war
sie jedoch im Erfinden von Foltermethoden. Sie war auf die Bevölkerung
angewiesen und erzielte ihre Wirkung durch Angst und Schrecken. Wenn der
Nachbar um fünf Uhr Früh abgeholt wird, hinterlässt das bestimmte Eindrücke bei
denen, die es mitbekommen.
Das Spitzelwesen hat in Wien hervorragend
funktioniert. Nicht umsonst gibt es hier den Ausdruck „vernadern“. Es gab bezahlte
Spitzel, auch solche, denen die Gestapo kein großes Vertrauen entgegenbrachte
und schließlich jede Menge Anrufer, Briefeschreiber, Vorbeikommer, Erzähler – und an sich selbst will man doch nicht erinnert werden. Tausende jedoch haben
mitgeholfen, damit das Hotel Metropol funktioniert. In der Erinnerungskultur
ist also kein großer Platz für das Thema „Hotel Metropol“, und deshalb habe ich
mich damit auseinandergesetzt. Ich habe Menschen getroffen, die natürlich
Erinnerungen an diesen schrecklichen Ort haben. Es waren viele dabei, die als
Kinder mit ihrer Mutter vor dem Hotel auf den Vater, die Schwester usw.
warteten, die aber nicht mehr herauskamen.
Ich wollte also – und das meine ich
nicht anmaßend – in der Phantasie des Lesers das Hotel wieder aufbauen, weil
das ein Thema ist, mit dem die Menschheitsgeschichte immer schon zu tun hatte
und immer zu tun haben wird. Folter wird es immer geben. Wo Menschen an der
Macht sind, werden sie versuchen, die Macht zu behalten, und wer an der Macht
rüttelt, wird beseitigt. Das Gebäude wurde 1945 bombardiert und aufgrund der
Beschädigungen nach dem Krieg niedergerissen. Man war froh, diesen Schandfleck
los zu sein. Von den Betroffenen wurde wenig über das Hotel und die Vorgänge
darin gesprochen. Die Täter haben nicht darüber gesprochen, weil sie nicht
gefragt wurden, außer in Prozessen der Nachkriegszeit. Sie wurden zu wenig
befragt, weil sie kein Mitleid erregen und das Böse darstellen. Viele sind
wieder im Staatsdienst untergekommen.
So viele Dinge aus dieser Zeit haben
Jahrzehnte gebraucht, um ins Bewusstsein zu kommen. Schließlich lernt man bei
der Beschäftigung mit einem solchen Thema auch über sich selbst: Man entdeckt
bei den Tätern Eigenschaften, die man auch besitzt. Es kommt nur darauf an,
diese Eigenschaften zu beherrschen.
Eine der Hauptfiguren der Trilogie ist Wolf
Manhardt, ein erfolgreicher Gestapo-Mann. Was ist das für ein Mensch?
Im Gegensatz zu
anderen schlägt er nicht, er hat sein Jus-Studium nicht beendet, hätte ohne das
Nazi-Regime keine solche Karriere gemacht, war von Anfang an dabei, hat viel
Erfahrung. Bei Verhören kommt es ihm auf die Psychologie, die Taktik, an.
Letztlich ein Alltagsmensch, auch wenn er bei der Gestapo arbeitet. Manhardt
ist überzeugt vom Regime und entspricht genau dem, was Menschen tun, wenn sie
sich ausleben dürfen, wenn sie Macht, Anerkennung und Lob bekommen. Schließlich
macht er sich zunehmend Gedanken über das Regime, ohne jemals ein Held zu
werden.
Ich möchte nicht, dass irgendjemand entschuldigt wird. Auf der anderen
Seite stehen die Opfer, etwa die Zeugen Jehovas, die damaligen Bibelforscher.
Ich habe zu denen keinerlei Beziehung, aber keine christliche
Religionsgemeinschaft ist mehr verfolgt und gemordet worden und hat einen so
hohen Blutzoll bezahlt wie diese. Sie waren überzeugt, nicht zur Waffe greifen
zu dürfen. Sie scheinen in der Geschichtsschreibung über diese Zeit kaum auf,
weshalb es in meinem Buch einen Vater und einen Sohn gibt, die zu den
Bibelforschern gehören.

Das Buch ist in Tagebuch-Form abgefasst. Was
ermöglicht Ihnen diese subjektive, vielleicht sogar intime Sichtweise, die beim
Leser möglicherweise auch eine gesteigerte Identifikation mit den Figuren
hervorruft?
Die Tagebuchform
hat sich rasch ergeben: Bei meinen Filmen habe ich das größte Augenmerk darauf
gelegt, das zu nutzen, was dem Film eigen ist, nämlich die Bild- und
Tonsprache. Ich war immer auf der Suche nach Bildern, die etwas erzählen, nicht
nach erklärenden Dialogen. Ich habe Filme gemacht, in denen dreißig, vierzig
Minuten nichts gesprochen wurde. Literatur ist etwas ganz anderes für mich. Ich
schreibe seit fast vierzig Jahren Drehbücher.
Im Roman habe ich insofern eine
Erfüllung gefunden, als ich hier das Unsichtbare, die inneren Vorgänge einer
Figur darstellen kann, worin der Film etwas hilflos ist, weil darin eine Figur
handeln und sich verhalten muss, woraus man auf die Innenwelt schließen kann.
Ich finde Literatur nicht richtig genützt, wenn sie nur beschreibt, was man von
außen sehen kann. Da ist mir die Tagebuchform äußerst nützlich, weil sie den
intimsten Zugang zu einem Menschen ermöglicht, nicht nur für mich, sondern auch
für die Leser.
Das Tagebuch zwingt seinen Verfasser – in diesem Fall Manhardt
–, zu formulieren. Ich wollte diesen Stoff nicht von außen, als Wissender,
beschreiben. In Tagebüchern haben die Figuren die Möglichkeit, sich zu irren,
einen Erkenntisprozess zu durchlaufen. Mein Ziel ist nicht die Betrachtung,
sondern das tiefe Erleben. Die pure Darstellung von Fakten finde ich
uninteressant, wenngleich ich sie natürlich ausführlich recherchiert habe.

Wie hat sich
die Recherche zu diesem Buch gestaltet, welche Quellen haben Sie benutzt?
Ich habe vor
allem Quellen aus der damaligen Zeit verwendet und empfinde im Gegensatz zu den
Historikern eine große Skepsis gegenüber dem geschriebenen Wort. Das so
genannte Protokoll etwa betrachte ich nicht als Bibel, im Wissen, dass im Hotel
Metropol zigtausende Protokolle geschrieben wurden – und alle waren insofern
manipuliert, als über die Folterungen natürlich nichts berichtet wurde. Die
meisten sind im März/April 1945 von der Gestapo verbrannt worden. Wenn jemand
nichts ausgesagt hat, hat man einfach eine Aussage erfunden. Die Anklage wurde
schließlich so gestaltet, dass ihr der Richter leicht folgen konnte, die
Prozesse waren auch Spektakel, um die eigenen Leute zu ermuntern, um das ab und
zu anwesende Publikum – ausgewählte Menschen – einzuschüchtern. Der Schrecken
sollte öffentlich werden. Man muss zwischen den Zeilen lesen, um auf mehr
Wahrheit zu kommen. Zeitzeugen können natürlich eine Bereicherung sein, aber
nach 60, 70 Jahren hat die Erinnerung vieles verändert. Insofern sind solche
Darstellungen ebenfalls zu hinterfragen. Und auch hier finde ich es wieder
bedauernswert, dass man die Täter viel zu wenig befragt hat, um dem Übel auf
die Spur zu kommen.

Und Ihre
Arbeitsweise?

Aus vielen
Quellen habe ich Notizen auf Karteikarten gemacht, wie ich es bei fast allen
meinen Drehbüchern praktiziert habe. Das sind meine „Spielkarten“, auf die ich
darüber hinaus alle Überlegungen zu meinen Figuren notiere: ihren Charakter,
ihre Konflikte, Antriebe, Situationen usw. Für die Hotel-Metropol-Trilogie sind
auf diese Weise ein paar tausend Karten entstanden. Der Leser darf nicht eine
merken. Ich bin nicht der Architekt, der das Gerüst stehen lässt, weiß aufgrund
dieses Systems aber schon jetzt, was im zweiten und dritten Teil an jeder
Stelle passieren wird. Mit den Karten kann ich meine Gedanken, Recherchen,
Ideen usw. am besten ordnen. Ich habe die Karten auf einem großen Tisch
aufgelegt – meine „Metropolis“, weil die Stöße wie Häuser aussehen – und bin
dann Monate lang damit beschäftigt, die Karten zu reihen, zu sortieren.

Lehners "Metropolis"
Anhand
der Karten sehe ich, dass beispielsweise über ein Figur schon länger nichts
mehr erzählt wurde, dass ich also eine Situation einordnen muss, die dem Leser
die Erinnerung an sie auffrischt und die Entwicklung weiterführt. Diese Art zu
arbeiten habe ich vor dreißig Jahren begonnen. Meine Filme Schöne Tage
und Mit meinen heißen Tränen sind auf diese Weise entstanden. Das hat
sich gesteigert: Für die Schubert-Filme hatte ich 600 Karten, für Jedermanns
Fest 3.500 und für die Roman-Trilogie sind es mittlerweile 8.000.
Wie sind Sie
an die Quellen herangekommen?
Die größte Hilfe
war das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands. Ich habe dort
Monate verbracht und gelesen: Abschiedsbriefe von Menschen etwa, die in der so
genannten „Armesünderzelle“ gesessen sind und an die Verwandten geschrieben
haben, einige Stunden vor ihrer Enthauptung.
Ihr Roman „R“, der von der
Payer-Weyprecht-Expedition handelt, beruht ebenfalls auf historischen
Tatsachen. Betrachten Sie historische Vorgaben oder Vorlagen als notwendig für
Ihre Arbeit?
Der Film Jedermanns
Fest ist ohne historische Vorlage entstanden, genauso mein erster langer
Spielfilm Edwards Film, und mein Drehbuch Der Baum erzählt die
Geschichte eines Baums und seiner Umgebung. An bestimmten Dingen kann ich aber
nicht vorbeigehen, weil ich mit ihnen konfrontiert werde und weil sie mich
beschäftigen. Dabei ist mein Verhältnis zur Vermittlung von Geschichte kein
ungestörtes: In der Schule habe ich Geschichte nicht erlebt, sondern sie wurde
mir durch den Schrecken des Auswendiglernens von Daten und Fakten vergällt. Ich
mag es, das Konkrete als Anlass zu nehmen und daraus das Eigentliche zu
entwickeln. Ziel ist, das Unausgesprochene, nicht Dokumentierte der Figuren
lesbar und erlebbar werden zu lassen. Das hat mit Erfinden zu tun, im
Sinn von: Man muss erfinden, um die Wahrheit zu sagen.
Die Kunst soll
sich den Mut nehmen, mit den Fakten zu arbeiten, und was durch die Fakten
allein nicht vermittelbar ist, soll gestaltet werden. Ich finde es schade, dass
man glaubt, weil es eine so tragische Geschichte der Zeit ist, dürfte nur das
ohnehin vorhandene Authentische gehört und gesehen werden, wozu muss man dann
noch etwas erfinden? Manche Bereiche kann man nur durch Findungen und Gestalten
zugänglich machen.
Welche Stoffe
reizen Sie darüber hinaus?
Das Um und Auf
ist, dass Schicksale sichtbar werden. Wenn das Thema historisch ist, muss der
Stoff immer etwas über die Zeit erzählen, über unsere Gegenwart. Hotel
Metropol erzählt sowohl über die Vergangenheit als auch über unsere
Gegenwart. Ich mag ebenfalls die Einheit des Orts. Eine größere Anzahl von
Schauplätzen sind keine Beruhigung für mich, ich bin auch kein Reisender, ein
Einsiedler schon eher. Je enger der Raum ist, je entrückter die Umstände und
Möglichkeiten, umso mehr passiert.
Wie sind Sie
überhaupt zum Schreiben gekommen?
Ich habe als
Student Kurzgeschichten und Gedichte geschrieben, auf der Filmakademie habe ich
dann Drehbücher verfasst, später die Drehbücher für meine Filme.
Filmer haben im Unterschied zu Autoren die
Möglichkeit, eine Ausbildung mit akademischem Abschluss absolvieren zu können.
Sie haben ein Studium an der Hochschule für Film und Fernsehen in Wien
abgeschlossen. Was haben Sie aus dieser Ausbildung mitgenommen?
Unter den vielen
Lehrern der Filmakademie wenige zu haben, die mir etwas sagen konnten, viele,
die mir nichts gesagt haben. Zweien bin ich zu großem Dank verpflichtet: meinem
Regie-Lehrer Alfons Stummer und meinem Drehbuch-Lehrer Harald Zusanek. Von ihm
habe ich sehr viel gelernt. Ich musste Drehbücher schreiben, er hat sie
beurteilt, kritisiert. Viel kam auch durch die gegenseitige Kritik unter den Studenten
zustande, am meisten natürlich durch das Machen. Eine Ausbildung zum
Schriftsteller würde ich nicht für richtig halten. Das sind individuelle
Explosionen in der Gesellschaft, und die würden doch nie an eine Schule gehen.
Und ich bin ein großer Gegner von Drehbuchschulen, wo nach amerikanischem
System Rezepturen geboten werden: der große Überraschungsmoment in der dritten
Minuten, dann nach neun Minuten das und das, und wer sich nicht daran hält, hat
ein schlechtes Drehbuch abgeliefert. Das alles ist aus der Fernsehdramaturgie
entstanden, die den Werbeblöcken angepasst ist. Verheerend. Drehbuchautoren
sollen alle Regeln brechen, nachdem sie sie kennen gelernt haben.
Fritz Lehner
R. Roman
Seifert Verlag
ISBN
3-902406-03-8/HA
EUR 21,90
Hotel Metropol
Seifert Verlag
ISBN
3-902406-19-4/HA
EUR 24,90
Fritz Lehner, 1948 in Oberösterreich
geboren, Absolvent der Hochschule für Film und Fernsehen in Wien, Drehbuchautor
und Regisseur, zahlreiche Auszeichnungen. Zu seinen Filmen zählen Schöne Tage,
Mit meinen heißen Tränen, Jedermanns Fest. Sein erster Roman R erschien im
Herbst 2003 im Seifert Verlag.