Schami, Rafik
Lesen ist ein Spiel
Der syrisch-deutsche Erzähler und Autor Rafik Schami spricht über sein bisher wohl persönlichstes Buch Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte (Hanser).
Interview von Silke Rabus / Foto von Root Leeb
Anzeiger 2/2012
Ihr aktueller Titel ist ein sehr persönliches Buch über Ihren Werdegang als Schriftsteller und Erzähler. Was hat Ihnen eigentlich den Anstoß für das Erzählen gegeben? Schon als Kind liebten Sie ja Geschichten.
In meiner Kindheit hat es mich unglaublich fasziniert, wenn irgendein Geschichtenerzähler in einem nichtssagenden Hof Erwachsene und Kinder gleichermaßen so begeisterte, dass sie sich völlig vergaßen. Dieser Akt des Sichvergessens – also die Erde zu verlassen und sich hinein in eine fiktive Welt zu begeben – hat mich motiviert. Ich wollte selbst so ein Zauberer werden. Und ich war enttäuscht, als einer jener Erzähler einmal zu mir sagte: „Wenn du ein Erzähler sein willst, dann musst du zehn oder zwanzig Jahre lang zuhören.“ Im Nachhinein finde ich seine Antwort sehr weise. Erst beim Zuhören lernt man, wie wichtig Spannung beim Erzählen ist, sodass sich die Menschen nicht langweilen.
In Ihrem Buch bedauern Sie die stetige Verkürzung von Kindheit und schreiben: „Wir dehnten die Kindheit aus, so lange es ging, heute aber ist die Welt voller Pläne, wie man Kinder am schnellsten zu Erwachsenen macht.“ Was geht Kindern durch diese Entwicklung verloren?
Den Kindern geht eine wunderbare Zeit verloren, eine Zeit, in der sie noch nichts leisten müssen, in der sie gelassen leben dürfen, in der sie wenig Angst haben, in der sie sich freuen können. Das alles bildet ihren Geist und ihre Seele aus. Was wir am Ende als Gewinn für unsere Gesellschaft betrachten, verlieren wir durch diese Entwicklung. Wir peitschen die Kinder durch ihre Schulzeit und haben dann Abiturienten oder Fachleute, die zwar sehr qualifiziert sind, aber auch eine große Kälte in sich tragen: weil sie nicht erfahren haben, was es bedeutet, Rücksicht auf andere zu nehmen, den Augenblick zu genießen oder den Wert des Einfachen zu schätzen. Es gibt heutzutage Kinder, die kaum Zeit haben. Sie kommen aus der Schule, gehen dann in die Klavierstunde und am nächsten Tag zum Judo oder in den Tanzkurs - anstatt zu spielen. Tanzen kann ein Kind auch im Spiel mit seiner Freundin oder seinem Freund. Aber schauen Sie sich um: Selbst auf einer verkehrsberuhigten Straße spielen keine Kinder mehr. Sie werden mit dem Auto oder mit der U-Bahn irgendwohin gefahren und sind dauernd in Bewegung. Sie kommen nicht zur Ruhe. Diese Ruhe hatte ich aber als Kind. Und ich bedauere es sehr, dass unsere Kinder diese Ruhe nicht mehr haben. Früher konnte ein Kind fünf Stunden an einem Tag spielen und dafür am nächsten Tag faul unter dem Baum liegen und Witze erzählen. Heute geht das nicht mehr, weil es Termine hat. Ich bin nicht gegen das Wissen. Ich habe auch nichts gegen strenge Schulen. Aber trotzdem sollten Kinder ihre Kindheit nicht verlieren. Wir bekommen sonst eine Erwachsenenwelt, die nichts Fantastisches mehr im Herzen trägt. Auf eine kalte Kindheit kann jeder verzichten. Aber auf eine schöne Kindheit, wie ich sie hatte, verzichte ich bis heute nicht. Eine Kindheit mit Wärme und Fantasie bleibt einem.
Sie singen zudem ein Loblied auf das Spiel: „Spielen ist eine zauberhafte Möglichkeit, einen Augenblick lang Kinder in Erwachsene und Erwachsene in Kinder zu verwandeln.“ Müssten auch Erwachsene mehr spielen?
Ja. Lachen Sie mich ruhig aus, aber ich sage: Auch Erwachsene brauchen mehr Spiel. Sie sollen zum Beispiel mehr Romane lesen. Es ist doch kein Zufall, dass vor allem Frauen schöne Literatur lesen. Frauen sind viel besser ausgerüstet für Krisen oder neue Situationen als Männer. Männer lesen nur das, was ihnen ihr Beruf diktiert. Die wenigsten können es sich leisten zu sagen: Ich will mich in die Philosophie, Technik oder Chemie vertiefen, weil ich einfach mehr wissen will. Kürzlich habe ich jemanden getroffen, der extra Atomphysik studiert hat, um den Atombehörden Widerstand zu leisten. Alle Achtung, das ist ein Intellektueller des 18. Jahrhunderts. Er lernt schwerste Physik, damit er für seine Interessen ausgerüstet ist. Aber die Regel ist das nicht. Viele Männer sind wirklich verarmt. Sie sollten Murmeln oder Karten mit ihren Kindern spielen, mit ihnen reisen, sich ihre wahnsinnigen Geschichten anhören oder selbst ein Buch in die Hand nehmen, lesen, träumen und mit den Helden und Heldinnen leiden. Das würde unserer Erwachsenenwelt sehr gut tun.
Habe ich Sie richtig verstanden: Lesen ist für Sie ein Spiel?
Ja, Lesen ist ein Spiel. Sie sitzen hier oder dort und plötzlich steigen Sie in ein Flugzeug namens Fantasie und fliegen in das 19. Jahrhundert nach China. Das ist doch ein Spiel! Sie müssen sich auf eine Geschichte einlassen wie auf Spielregeln. Wenn ich Murmeln spiele, verschwindet die Welt und ich gelange auf einen Murmelplanet mit ganz eigenen Gesetzen - wie beim Fußball, wie bei allen Spielen. Auch die Literatur ist so ein Planet und damit ein Spiel mit Spielregeln. Und wenn Sie sich nicht auf diese Spielregeln einlassen, fliegen Sie raus.
Apropos Lesen: Sie merken an, dass die Erfindung der Schrift letztendlich zur Vergesslichkeit geführt habe, da das Gedächtnis im Vertrauen auf das Geschriebene nicht mehr geübt werde. Ist das auch als Plädoyer für das mündliche Erzählen zu verstehen?
Wenn man ein gutes Gedächtnis hat, kann man leichter mit anderen Menschen kommunizieren und natürlich auch besser Geschichten erzählen. Man braucht nicht zu sagen: „Heute habe ich mein Skript nicht dabei“. Das habe ich immer an Professoren bemängelt, die mit ihrem Skript am Katheder stehen, aber außerhalb der Universität kaum zwei Sätze sagen können. Das ist ein Verlust. Es gibt übrigens eine Geschichte von einem Mann, der auf Reisen immer seine Bücher auf seinen Kamelen mitgenommen hat. Aber eines Tages überfallen ihn Räuber und rauben ihm diese Bücher. In dem Moment beschließt er: „Ab jetzt will ich alles in meinem Kopf haben.“
„Wir lernen immer mehr zu sehen und weniger zuzuhören“, heißt es in Ihrem Buch. Was bedeutet das für die Erzählkultur, was für den Akt des Zuhörens?
Das Erzählen wie das Zuhören werden schwieriger. Weshalb? Weil unsere Welt sehr stark visuell geworden ist. Letzten Sommer habe ich Ray Bradburys Science-Fiction-Roman Fahrenheit 451 aus dem Jahr 1953 gelesen: Da sitzen Leute in einem Zimmer, deren Wände aus Flachbildschirmen bestehen. Diese Flachbildschirme haben wir heute auch in der Realität. Das heißt, uns verfolgt eine Bilderwelt, die den Mund stumm macht.
Weil alles schon erklärt ist?
Ja. Das Fernsehen kaut bis in das Schlafzimmer hinein alles so lange vor, bis es jedes Kind versteht. Lesen und Zuhören erfordern dagegen Anstrengung. Und unsere Welt neigt zur Faulheit. Man konsumiert das Fernsehen, egal welches Programm kommt. Beim Lesen und Zuhören hingegen muss man sich konzentrieren. Das fürchten viele Leute. Die visuelle Welt ist keine Hilfe für das Hören und Lesen. Im Arabischen hat man früher gesagt: „Das Auge ist die Schaufel der Sprache“. Während ich zuhöre, nehme ich also gleichzeitig Dinge wahr, die mir das Hören erleichtern. Mittlerweile aber ist das Auge der Hammer für das Ohr. Es erklärt alles.
Sie erwähnen, dass Sie dank der Erzählungen der Scheherasad in 1001 Nacht erstmals begriffen hätten, dass das Erzählen dem Leben und das Schweigen dem Tod glichen. Können Sie das erläutern?
Wenn Scheherasad geschwiegen hätte in einer Nacht, wäre sie gestorben. So lautet die Legende. Dieses Symbol ist sehr stark. Solange sie erzählt, kann sie den persischen König Schahray r von seinem krankhaften Vorhaben, sie zu vergewaltigen und zu töten, abbringen. Scheherasad sagt also: „Du kannst mich umbringen, aber lass mich die Geschichte zu Ende erzählen.“ Sie erzählt und am frühen Morgen erreicht die Geschichte nicht zufällig ihren spannendsten Punkt. Dann unterbricht sie und sagt: „Ich bin jetzt müde.“ Er: „Erzähl weiter.“ Und sie: „Nein. Lass mich noch einen Tag leben, dann kannst du mich morgen umbringen.“ So vertröstet sie ihn zwei Jahre, acht Monate und 27 Tage. Deshalb bedeutet Schweigen den Tod und ist Erzählen ein Symbol des Lebens – auch in der Demokratie. Solange die Bürger mündig sind – das Wort „mündig“ kommt ja von Mund – und reden, wird die Demokratie nicht sterben. Aber wenn alle schweigen und alles akzeptieren und schlucken, stirbt auch die Demokratie. Dann sterben der Charakter, der Widerstand, die Menschlichkeit.
Fürchten Sie eine solche Entwicklung?
Natürlich, weil viele nicht nur schweigen, sondern auch gleichgültig werden gegenüber dem Unrecht in der Welt oder auch im eigenen Land. Sie fühlen sich nicht betroffen. Ich kenne das mehr als genug und finde es sehr gefährlich. Und wenn Sie dann trotz des Schweigens mit den Menschen reden wollen, würgen diese das Thema ab. Das ist die zweite Stufe der Krankheit: Die Menschen reden nicht und wollen auch nicht, dass man mit ihnen redet. Bis dann die dritte Stufe kommt: Wenn jemand redet, stört er – wie man es jetzt auch bei den Ereignissen in Syrien sieht. Ich hätte gerne, dass die Europäer reden, aber sie tun es nicht. Wenn wir Syrer kommen und ihnen aus unserem Land berichten, dann schweigen sie. Und wenn wir sagen: „Handelt nach den Prinzipien eurer Demokratie“, dann stören wir. Die Europäer wollen uns nicht hören.
Wie beobachten Sie die Verhältnisse in Syrien?
Ich bin sehr angenehm überrascht, dass das syrische Volk ohne Partei und ohne charismatische Führung den Aufstand wagt. Das hat mich völlig überwältigt und mit großer Freude erfüllt. Das Volk hat sehr lange geschwiegen, aber jetzt reicht es. Und dieser Satz „Jetzt reicht es!“ kann das Leben kosten. Wir sind nicht Österreich oder in Deutschland oder in der Schweiz. Es gibt mittlerweile rund 5.000 Tote und 60.000 Inhaftierte. Mindestens ein Drittel davon ist vermutlich schon unter Folter gestorben. Das heißt: Der Aufstand der Volkes erfüllt mich mit Freude, aber auch mit Sorge, denn wenn dieses Regime fällt, fallen auch der Iran und die Hisbollah - eine Hisbollah ohne Syrien ist spätestens nach einem Monat erledigt. Ich fürchte allerdings, dass dieses Regime nicht aufgibt, sondern alles in einen Bürgerkrieg mündet. Und ein Bürgerkrieg wäre eine Katastrophe. Syrien ist ein so schönes Land. Und die schönste Stadt der Welt ist Damaskus. Erst danach kommen Wien und dann Paris.
Rafik Schami wurde 1946 in Damaskus geboren. 1971 übersiedelte er nach Deutschland und studierte Chemie, 1979 folgte die Promotion. Als brillanter Geschichtenerzähler gehört er zu den erfolgreichsten Schriftstellern deutscher Sprache. Sein Werk wurde in 24 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet.