Flor, Olga
Macbeth revisited
Mit Die Königin ist tot (Zsolnay) hat die
Grazer Schriftstellerin Olga Flor einen hervorragend erzählten Roman über Machtstreben,
Gewalt und innere Leere vorgelegt.
Interview:
Bettina Führer / Foto: Paul Zsolnay Verlag/www.literaturfoto.net
Anzeiger 07/2012
Ihr neuer Roman spielt in Chicago in einer nicht näher
bestimmten Zukunft, die von sozialen Unruhen, Plünderungen, Lynchjustiz und
Rassismus geprägt ist. Ist das für Sie ein denkbares Zukunftsszenario?
Ich habe einfach bestimmte Aspekte
der gegenwärtigen Realität zugespitzt, all das passiert ja durchaus auch in
unserer Gegenwart. Man kann den Roman schon auch als negative Utopie lesen.
Ihre Protagonistin, eine ehrgeizige junge Europäerin, steigt
durch die Heirat mit dem Medientycoon Duncan an die gesellschaftliche Spitze
auf, ins Zentrum der Macht. Am Ziel dessen angelangt, was „ich einmal für meine
Wünsche gehalten habe“, wie sie selbst sagt, nutzt sie ihre Position aber gar
nicht.
Sie ist im Zentrum der Macht, und
das ist ein stiller Ort. Zudem hat sie ein sehr passives Weiblichkeitskonzept,
eine gewisse hinterhältige Passivität. Es war nie ihr Plan, mit einer eigenen
beruflichen Karriere etwas zu erreichen, sondern sie hat sich ihre
gesellschaftliche Position über die Heirat gesichert, nicht zuletzt aufgrund mangelnder,
weil abgebrochener Ausbildung. Sie ist da sehr nüchtern: Wie kann ich meine
vorhandenen Mittel am gewinnbringendsten einsetzen? So hat sie aber auch keinen
Platz in der Medienwelt, in der ihr Mann regiert, – und wird von ihm
schließlich durch eine Frau ersetzt, die genau in dieser Welt Karriere macht.
Hier stehen sich zwei verschiedene Lebensmodelle gegenüber, wobei ich glaube,
das ersteres heute nach wie vor gar nicht so selten angestrebt wird.
Ihre Figur reflektiert das ja auch und beschreibt
sich selbst als „(einigermaßen teuer eingekauftes) Möbelstück“ …
Trotzdem ist das etwas, das sie
durchaus anstrebt. Es geht ihr allein um die Position, die sie durch die Heirat
mit Duncan erreicht hat. Die hat sie, da muss sie gar nichts mehr damit machen.
Das führt auch sofort zur Frage, was das Wesen einer Machtposition eigentlich
ist und ob sie nur existiert, wenn sie durch offensive Ausübung der Macht
bestätigt wird. Was meine Protagonistin betrifft: Erst als ihre Position
bedroht wird, agiert sie und wird sehr aktiv – mit ihren Mitteln.
Bedroht wird ihre Position als Duncan sie gegen eine
jüngere, sehr attraktive Fernsehjournalistin austauscht – und sie an Alexander,
seinen „Thronfolger“ im Unternehmen, weiterreicht. Der Name Duncan ist eine direkte
Anspielung auf den König in Macbeth, Alexander ist als Macbeth-Figur
konzipiert, Lilly wird zu seiner Lady Macbeth, der Königsmord geschieht genau
nach der Shakespeareʼschen Vorlage … Was hat Sie an der „Neuinszenierung“ des
Shakespeare-Dramas interessiert?
Ich habe die Beziehung zwischen
Macbeth und Lady Macbeth immer schon sehr interessant gefunden. Die beiden
haben – und das ist in Shakespeares Dramen selten – im Rahmen ihrer Ehe eine
fast schon partnerschaftliche, durchaus auch zärtliche Beziehung. Macbeth ist
ja eigentlich der sympathischste Mörder in den Königsdramen, zumindest solange
er zweifelt. Im ersten Teil des Dramas wird Lady Macbeth als sehr aktiv
dargestellt – nur um dann irgendwann sang- und klanglos zu verschwinden. Das
hat mich in gewisser Weise verstört, das habe ich nicht verstanden.
Auch wenn Psychologisierungen hier
falsch sind, weil man in der Entstehungszeit des Stückes – um 1606 – diesbezüglich einen ganz anderen Zugang hatte, habe ich den Eindruck, dass es
sich nicht zuletzt um zwei Stimmen in einem Kopf handelt, die das Für und Wider
des Mordes verhandeln. Je stärker der eine Aspekt wird, desto schwächer wird
der andere. Das sieht man sowohl in der Interaktion der beiden Figuren als auch
in ihren Monologen. Am Anfang ist sie diejenige, die absolut jedes Bedenken
hintanstellt und sagt: Wenn du etwas erreichen willst, dann musst du handeln.
Am Ende ist er es. Auch das Nicht-Handeln schafft Tatsachen. Dieses
Agieren-Müssen – und zwar schnell und skrupellos – ist eigentlich eine sehr
moderne, oder vielmehr zeitlose Haltung.
Das ist die Haltung, die man braucht, um einen Krieg zu
überleben.
Genau. Aber die braucht es nicht nur
im Krieg, auch im Berufsleben, und das wird ja nicht zuletzt aufgrund der
Krisen härter, vielleicht ist es aber auch umgekehrt, vielleicht resultieren
die krisenhaften Zuspitzungen aus einer fast schon paradigmatischen Härte, die
allerdings in Wellness-Sprache verpackt wird, doch das ist eine andere
Diskussion. Im Grunde geht es bei dem Text ganz zentral um die Aggression, die
in „Macbeth“ exemplarisch verhandelt wird. Vielleicht hat mich das Drama
deswegen so fasziniert.
Und je mehr Macbeth seine Skrupel verliert, desto mehr
wird Lady Macbeth in den Hintergrund gedrängt, weil ihre Rolle rein dramaturgisch
erfüllt ist. Sie hat ihr Ziel erreicht: Er hat gemordet. Von ihr erfährt man
nur noch, dass sie wahnsinnig wird, und dann heißt es, sie sei tot. Die Königin
ist tot – “The queen, my lord, is dead”.
Lillys Weg führt von der Lobby des Firmensitzes über eine
Familienvilla am Strand in ein riesiges Apartment im obersten Stockwerk eines
Wolkenkratzers – mit Die Lobby, Das Haus, Der Turm sind auch die einzelnen
Kapitel übertitelt – und von dort bis ganz nach unten. Warum führt ihr Aufstieg unweigerlich
zum Fall? Warum ist mit Alexander kein Happy End möglich?
Weil Alexander für sie in einem
hohen Grad Mittel zum Zweck ist – und umgekehrt. Er ist ihr Garant gegen den
Positionsverlust. Der gemeinsame Mord ist der Grund, auf dem ihre Beziehung
steht, und das halte ich nicht gerade für eine gesunde oder sonderlich
vertrauensfördernde Basis. Man hat einander zu gut kennengelernt, würde ich
sagen.
Gerade das übrigens war für mich
beim Schreiben des Romans eine zentrale Frage: Wie wirkt sich das Verbrechen
auf die Beziehung von Alexander und der Ich-Erzählerin aus? Werden sie nicht
zwangsläufig versuchen wollen, die Heftigkeit der Emotionen, die den Mord
begleiten, zu wiederholen, und sich daher zu immer extremeren Taten
aufstacheln?
Nebenbei bemerkt: Die Figur heißt
nicht Lilly, sie nennt sich nur so, weil sie dieses Kindchenschema erfüllen
möchte, das mit diesem Namen konnotiert ist. Sie glaubt, dass Duncan das mögen
müsste. Gleichzeitig ist für mich bei Lilly der Anklang an die mythologische
Figur der Lilith gegeben, die wiederum dem Kindchenschema so gar nicht
entspricht. Das ist aber nur so ein ferner Nachhall. Und eigentlich hat sie
einen ganz unauffälligen Namen, der nicht vorkommt und den ich auch nicht
verrate.
Duncans Vorname kommt ja auch nicht vor …
Doch, einmal. Er heißt Basil. Aber
sie nennt ihn ausschließlich Duncan. Der Name Basil geht auf Basileus zurück
und bedeutet König. Darüber hinaus heißen auch einige Heilige der Ostkirchen
so, weshalb der Name gleichzeitig auf Duncans ukrainische Wurzeln verweist.
Ist die Namensgebung Ihrer Figuren - selbst wenn die Namen
dann im Text gar nicht vorkommen - für Sie wesentlich?
Die Namen sind eigentlich nur eine
Spielerei, aber eine, die Verknüpfungen zu parallelen Bedeutungsebenen
herstellt. Im Wesentlichen geht es mir um die Figuren und die Konflikte, die
sie in sich tragen. Das ist das eigentlich Interessante für mich.
Welche Bedeutung haben eigentlich die Kinder von Duncan und
der Ich-Erzählerin? Sie kommen vor, eine Szene beschreibt sogar die Mutterliebe,
die die Protagonistin verspürt, an anderen Stellen wird klar, dass sie mit den
Kindern nichts anfangen kann und schließlich heißt es, sie habe gar keine
Kinder …
Ich würde sagen, die Kinder sind ein
emotionaler Teil von ihr, den sie vor sich selbst verschlossen hat. Sie hat
diesen Teil so ausgelagert und eingekapselt, dass er irgendwann verschwindet,
wie eine Gewebszelle, die „Selbstmord“ begeht. Wirklich emotional zu werden,
das kann sie nicht brauchen. Schlussendlich hat das auch mit der Leere zu tun,
in der sie sich eingerichtet hat.
Der Roman ist eine Art innerer Monolog, was bedeutet, dass
Sie beim Schreiben ganz nah dran waren an dieser distanzierten, berechnenden
Frau. Welches Verhältnis haben Sie zu ihrer Figur?
Der Text ist von der Form her
eigentlich eher das geleakte Dokument ihrer Selbstbehauptung. Bevor sie stirbt,
möchte sie noch einmal die Deutungshoheit für sich beanspruchen, die sonst die
Medienwelt innehat, die ja von der Deutung von Vorgängen lebt. Sie wird deshalb
zum ersten Mal selbst aktiv, und zwar genau unter Verwendung medialer Mittel.
Sie möchte die Vorgänge in ihrem Leben ihrerseits deuten, und damit tut sie
noch etwas: Sie liefert Alexander ans Messer. In der Leere im Zentrum der Macht
hat sich was zusammengebraut, nämlich der Text.
Wenn ich für einen Text die
Innenschau wähle, ist die wirklich spannende Herausforderung die, aus einer
Figur heraus zu sprechen, die mir eigentlich nicht sympathisch ist. Natürlich
mag ich sie dann doch, auch wenn sie monströs ist wie diese, schließlich kann
man eine Figur, die man derartig gut kennt, nicht nur kritisch sehen, das würde
ja zur reinen Parodie führen. Im Übrigen sind zu leicht zu bewältigende Zugänge
nicht spannend – und diese Figur hat einfach sein müssen, weil die Lady Macbeth
mich schon lange beschäftigt.
Es gibt übrigens auch formale
Anklänge an Shakespeares Königsdrama – so findet etwa der anrückende Wald bei Macbeth
seine Entsprechung in dem
Hochhauswald hinter dem Turm, dessen oberstes Stockwerk für den Bergfried
steht, den letzten Rückzugsraum in einer Burg. Das Vorbild für diesen
Wolkenkratzer war der Lake Point Tower in Chicago, der als einziges Gebäude
jenseits der Uferstraße am Lake
Michigan in der Bauverbotszone steht, allein
vor der Stadt. Wenn die Stadt also aufrückt, in Form von Neubauten etwa, so ist
das ein Spiel mit der Formel, mit der sich Macbeth gegen den
dadurch eigentlich prophezeiten Untergang absichern möchte: „I will not be afraid of death and bane / Till Birnam Forest
come to Dunsinane” (Ich habe nichts zu fürchten, solange der Wald von Birnam nicht nach Dunsinane
kommt). Apropos Namen: Michigan reimt sich
fast auf Dunsinane.
Der Turmbau ist jedenfalls ein
Emblem der Machtbehauptung, so schlicht wie einleuchtend, universell
verständlich und einsetzbar, wie es scheint.
Olga Flor,
1968 in Wien geboren, studierte Physik, arbeitete im Multimedia-Bereich und ist
seit 2004 freie Schriftstellerin. Ihr Romandebüt Erlkönig (Steirische Verlagsgesellschaft) erschien 2002, 2004 wurde
ihr Monolog Fleischgerichte im
Schauspielhaus Graz uraufgeführt, es folgten die Romane Talschuss (2005) und Kollateralschaden
(2008, beide Zsolnay). Für ihr Werk ist Olga Flor bereits mit zahlreichen
Preisen und Stipendien ausgezeichnet worden, zuletzt u. a. mit dem
Elias-Canetti-Stipendium (2011/12) und dem outstanding artist award (2012).
Olga Flor
Die Königin ist tot
Paul Zsolnay Verlag
ISBN-13: 978-3-552-05578-0
erscheint am 27. August 2012