Friedl, EdithBau-Werke Margarete Schütte-Lihotzky und Adolf Loos – zwei österreichische ArchitektInnen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Während Schütte-Lihotzky für die ArbeiterInnen baute und die erste moderne („Frankfurter“) Küche erfand, ist Loos vor allem für seine Einzelbauten und Streitschriften bekannt. Edith Friedl hat in ihrem Buch „Nie erlag ich seiner Persönlichkeit“ (Milena Verlag) beide Persönlichkeiten und Baustile verglichen.
Mehrere Gründe sind dafür verantwortlich: Die Architektin baute nie spektakulär an spektakulären Plätzen, wie das Loos etwa mit seinem Haus am Wiener Michaelerplatz (Foto) gelang, sondern bevorzugte den unaufdringlichen Sozialbau, mit dem in der Architekturgeschichte kaum zu reüssieren ist. Sie war obendrein eine Frau, noch dazu politisch „falsch“ positioniert und hatte zu guter Letzt nie die Lobby in Kultur- und Architekturinstitutionen, die ihr zu einer breiten Öffentlichkeit verhelfen hätte können. Sie schildern sehr eindringlich die Beschränkungen und Ausschlüsse, denen Frauen im Wien der Jahrhundertwende unterworfen waren. Warum konnte Schütte-Lihotzky dennoch Architektin werden? Schütte-Lihotzky fand in ihrer Familie und bei ihrem Lehrer Oskar Strnad echte, uneingeschränkte Unterstützung für ihren Wunsch, diesen Beruf zu ergreifen. Sie war schon sehr früh davon überzeugt, dass diese Profession für sie und ihr Weltbild die einzig richtige sei, und handelte dementsprechend danach: Schon als Studentin „tigerte“ sie sich höchst engagiert in verschiedene Bauaufgaben hinein, erhielt dafür Preise und wurde deshalb von Wohlmeinenden weiterempfohlen. Was dazu führte, dass sie zur richtigen Zeit mit den richtigen Vorstellungen am richtigen Ort beim richtigen Chef landete: Das war damals Adolf Loos in seinem provisorischen Büro in der legendären Wiener Siedlerbewegung. Von da an war die Architektin mit ihrem Engagement, ihrer fachlichen Kompetenz und ihrem Organisationstalent nicht mehr zu bremsen und ging unbeirrt den von ihr mit voller Überzeugung eingeschlagenen Weg – in Wien, in Frankfurt, in der Sowjetunion und in vielen anderen Teilen der Welt. Das rang beinahe allen ihren Kollegen Achtung ab und man ließ sie – sozusagen als Ausnahme von der Regel – über weite Strecken ungehindert arbeiten. Schütte-Lihotzky wird zumeist mit ihrer Frankfurter Küche in Verbindung gebracht – nicht immer zur Freude der Architektin, wie Sie in Ihrem Buch darstellen. Was hat sie noch gebaut, und wo kann man heute noch Gebäude von ihr sehen? Neben der so genannten „Frankfurter Küche“, auf die man sie ständig festzunageln versucht, entwarf sie hauptsächlich Wohnhäuser, Schulen und Kinderbauten (Horte, Krippen und Kindergärten). Beispielsweise können in nächster Umgebung noch ihr Doppelwohnhaus in der Werkbundsiedlung, ein Gemeindebau in Wien 2., Schüttelstraße 3, ein Kindertagesheim in Wien 11., Rimböckstraße 47, oder ein Kindergarten am Kapaunplatz im 20. Wiener Gemeindebezirk besucht werden. Was sind die wichtigsten Unterschiede in Loos’ und Lihotzkys Arbeit? Loos’ Schaffen lag vor allem im ästhetisch-puristischen Einzelbau, in der Innenarchitektur und in seinen unorthodoxen Streitschriften. Schütte-Lihotzky konzentrierte sich meist auf komplexere Zusammenhänge des sozialen Bauens, seiner Infrastruktur und in der Folge auf den Städtebau. Ihr Umgang mit Menschen und insbesonders mit Kollegen war ein sehr soziabler, wertschätzender. Sie versuchte stets, auf der Basis von Gemeinsamkeiten mit den Kollegen zusammenzuarbeiten und das Trennende, soweit das möglich war, hintanzustellen. Auch Loos wurde daher von ihr geschätzt, hauptsächlich prägte die positive Aufbruchstimmung der Siedlerbewegung ihre Zusammenarbeit – obwohl auch sie manchmal nicht umhin konnte, seine oft sture Exzentrik zu kritisieren. Warum ist Schütte-Lihotzky nach dem Krieg nach Österreich zurück gekehrt? Ganz einfach: Hier war sie aufgewachsen, hier hatte sie ihr primäres soziales Umfeld und hier wollte sie tatkräftig mithelfen, ihre Heimatstadt nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufzubauen. Was ihr allerdings schnell und nachhaltig verwehrt wurde. Gibt es ArchitektInnen in Österreich oder international, die die Tradition des sozialen Bauens fortführen oder sich sogar auf Schütte-Lihotzky beziehen? n den 1970er Jahren entwickelte sich eine neue Generation von Architekten, die sich vor allem mit dem so genannten „partizipativen Wohnbau“ einen Namen machten (z. B. Uhl oder Matzinger). Jetzt lassen viele weibliche Architekten mit ihren Konzepten für frauengerechtes Wohnen aufhorchen (etwa die Wienerin Sabine Pollak). Dies sind alles interessante Varianten des „sozialen Bauens“, allerdings berufen sich die wenigsten von ihnen auf Österreichs erste Architektin, weil auch ihre NachfolgerInnen leider von ihr meist nicht mehr wissen, als dass Schütte-Lihotzky für die Küchen in Frankfurt zuständig war. Dabei war sie die erste, die sich in vielen Entwürfen beispielsweise über das Bauen für Frauen den Kopf zerbrach und in etlichen Realisationen zu bahnbrechenden Ergebnissen kam. Interessant ist das Buch sicher nicht nur für ArchitektInnen und KunsthistorikerInnen, sondern auch in Bezug auf die sozial- und frauengeschichtlichen Inhalte. Ich habe außerdem darauf geachtet, das Buch möglichst lesefreundlich zu halten, so dass tiefergehende Vorkenntnisse keineswegs benötigt werden.
Interview: Pamela Krumphuber Edith Friedl unterrichtet seit 1991 Entwurf und Gestaltung im Architektur- und Designbereich an einer HBLA in Linz. Mehrere Architekturpreise; Forschungsschwerpunkt soziales Bauen. Edith Friedl Nie erlag ich seiner Persönlichkeit ... Margarete Lihotzky und Adolf Loos ISBN 3-85286-130-6/MM EUR 22,– |

