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Ballhausen, Thomas

Thomas Ballhausen, ein „Vielschreiber, der keine Genregrenzen kennt“ (profil), stellt bei der Buchwoche „Geröll“ (Skarabaeus) vor – eine Sammlung literarischer Innenansichten auf desolate Beziehungen und Verhältnisse.

Interview und Foto: Pamela Krumphuber


Du publizierst nicht nur literarische, sondern auch essayistische und wissenschaftliche Texte. Siehst du dich selbst eher als wissenschaftlichen oder als literarischen Autor?

Ich bin nicht der Ansicht, dass man sich entscheiden muss, für welches Team man spielt. Wichtig ist sich bewusst zu machen, was für ein Text es jeweils werden soll und was man damit will. Beide Bereiche können sich gegenseitig positiv beeinflussen, sie stellen unterschiedliche Anforderungen und lösen unterschiedliche Arten von Schreibanfällen aus. Ich mag es, eine Aufgabe zu haben, eine Herausforderung. In der Wissenschaft wie auch in der Literatur trage ich ein Thema oft lange mit mir herum, das sich dann in fast epileptischen Schreibanfällen löst. Es geht um Professionalität der Texte, das ist man der Leserschaft und sich selbst schuldig. Guter literarischer Stil ist für einen wissenschaftlichen Text förderlich, eine gewisse Bildung ist gut für einen literarischen Text.

Der/die LeserIn von Geröll sollte zum Beispiel mit Thomas Hardy, Sueton, John Milton oder Bazon Brock etwas anfangen können. Diese und viele andere Namen werden genannt, aber der inhaltliche Zusammenhang bleibt unerklärt. Welche Funktion haben diese Namensnennungen?

Die Namen funktionieren in etwa wie Links. Sie sind Angebote für eine Art hypertextuelles Lesen, die verfolgt werden können und damit eine andere Ebene in den Text hineinbringen. Wir haben ja immer schon in Netzen gelesen. Die Hinweise werden wahrgenommen und lösen andere Denkprozesse aus. Es ist spannend zu bemerken, was der Text mehr kann, als man intendiert hat.

Ich bin kein Freund der Belehrung. Ich will einen möglichen Weg zeigen, „da sind Türen, sieh es dir an, finde vielleicht eine Dachluke, von der ich noch nichts wusste“. Ich versuche zu vermitteln. Im Sinne eines verdeckten Ermittlers bin ich vielleicht ein verdeckter Erzähler.
Die Geschichten werden auch immer wieder durch unkonventionelles Vokabular, neue Spielregeln und Zeichensetzung unterbrochen, aber ich bin nicht der Meinung, dass ein Text desto hochkarätiger ist, je unverständlicher er ist. Ich liebe das Spiel mit Codes, aber es darf sich nicht darin erschöpfen.

Wie viel Systematik hatte das Buch in seiner Entstehung?

Geröll hat seine inneren Regeln. Das Buch macht einen Bogen. Zu Beginn schafft man sich ein Alphabet (Abecedarium), dann wird es im Labor getestet, dann geht es los. Das war, was ich wollte: eine schrittweise Entwicklung. Dafür habe ich eine Auswahl aus Texten der vergangenen fünf Jahre getroffen. Material gäbe es wahrscheinlich für den dreifachen Umfang. Manche Abschnitte haben sich von selber verflochten, das war manchmal intendiert, manchmal hat es sich ergeben. Das System ergibt eben eine Mehrleistung.

Findest du deine Texte manchmal witzig?

Ein paar. Was alles schuld ist finde ich witzig, das ist ein Übertreibungstext. Ich bin kein Polemiker, aber mich interessiert die Polemik, das Grotesk-Komische, die Frage: Wann ist der Bogen überspannt? Ich hatte aber nie das Bedürfnis, etwas Witziges zu schreiben, sondern wollte eher feststellen, wo der Sand im Getriebe ist: Wie sieht die Dysfunktion aus?

Du handelst das Scheitern vorrangig an der Paarbeziehung ab. Warum?

Die Paarbindung hängt direkt mit dem großen sozietären Komplex zusammen. Ich schreibe viel über Hunger und Angst, auch deshalb schreibe ich viel über Liebesgeschichten. Es ist eine große Angst: Wenn die Liebe nicht mehr reicht, um die Dinge zu verändern, ist alles gelaufen. Denn man kann viel, aber nicht alles mit dem Verstand lösen. Auf dieses eine Letzte kommt es an, und das Versagen darin ist die große Klammer, die die Figuren zusammenhält. Die Figuren agieren sehr risikoarm. Wenn sie am wenigsten mit der Welt zu tun haben, sind meine Protagonisten am glücklichsten.

Es gibt auch keine Erzählerfigur, die sich von dieser Passivität distanziert.

Man muss von der Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen, Gebrauch machen. Aber ich möchte auch fair sein zu meinen Figuren. Vieles von ihren Themen beschäftigt mich auch und ist mir nahe. Den Großteil meiner Figuren möchte ich aber nicht kennenlernen. Ich biete nur Innenansichten desolater Zustände.

Weißt du eigentlich, dein wievieltes Buch Geröll ist?

Das sechste, wenn man ein Comic dazuzählt und eines, das in einer kleinen Edition erschienen ist. Blödsinn, das siebte, eines als Co-Herausgeber, nein acht. – Es ist schwer zu sagen. Außerdem sind zur Zeit gleich drei Bücher in Druck: Geröll bei Skarabaeus und zwei wissenschaftliche Bände bei Löcker und Turia & Kant.

Du warst auch Autor beim Triton Verlag, der leider 2004 in Konkurs gegangen ist. Was passiert mit den Büchern, die Triton noch auf Lager hat?

Die werden neu auf den Markt gebracht. Armin Baumgartner, auch ehemaliger Triton-Autor, bringt sie gemeinsam mit Traude Korosa in der Uhudler-Edition heraus. Die Bücher von Triton bekommen Plastikumschläge mit dem neuen Verlagsnamen zum Einstecken, die alten ISBN werden überschrieben. So bleibt erhalten, was Triton gemacht hat, und trotzdem entsteht etwas Neues. Die Bücher von Triton waren ja auch sehr schön. Es wäre schön gewesen, die Literatur, die bei Triton gemeinsam erschienen ist, zusammen zu lassen.

Wie beurteilst du die Situation für junge Autorinnen und Autoren in Österreich generell?

Es gibt Möglichkeiten, aber es könnte mehr sein. Mehr österreichische Verlage könnten sich vornehmen, ein Debüt pro Jahr oder sogar pro Halbjahr zu veröffentlichen. Andererseits sehe ich auch die Situation der Verlage, nämlich dass der Vorrat an guten Autorinnen und Autoren nicht unerschöpflich ist. Vom Feuilleton wird österreichische Literatur unterbewertet. Sie hat einen individuellen Ton, so wie die deutsche Literatur ihren Ton hat. Weil aber das Feuilleton und die großen Literaturpreise den deutschen Ton höher bewerten, findet eine Einebnung statt.

Und was ist der Motor hinter deinem Schreiben?

Therapie ist es nicht, auch wenn einem das schnell unterstellt wird, wenn man mit Ich-Erzählern arbeitet. Sogar von Literaturfachleuten musste ich mich das schon fragen lassen. Für mich ist das Schreiben etwas Detektivisches. Ich versuche einen Blick zu bekommen für das, was uns umgibt, zu beobachten und auf ein paar Dinge draufzukommen.

Also keine „Renaissance des Erzählens“?

Es wäre gefährlich, wenn man Creative Writing unterrichtet und dann nur Neuen Realismus macht. Ein running gag unter den Autorinnen und Autoren heißt: „Wenn nichts mehr geht, schreiben wir halt einen Bestseller!“ – Aber das wäre dann nicht meine Literatur. Ich kann ohnehin nur meine Literatur schreiben. Wenn Leute wie Martin Walser das anders machen wollen, sollen sie das tun. Was dabei herauskommt, sieht man.

Eins noch: Ist das Der letzte Sommer vor der Eiszeit?

Im Moment habe ich den Eindruck, es könnte der erste Sommer nach der Eiszeit werden.

Thomas Ballhausen
Geröll. Prosa
172 Seiten
€ 18,–/sfr 31,90
ISBN 3-7082-3194-5


Thomas Ballhausen, geboren 1975, absolvierte ein Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft und der Deutschen Philologie an der Universität Wien. Autor, Film- und Literaturwissenschaftler, Mitarbeiter des Filmarchivs Austria in Wien. Zahlreiche literarische und wissenschaftliche Veröffentlichungen. Redakteur für Literatur und Theorie der Popkultur-Zeitschrift skug, Gründungsmitglied des Online-Literaturprojekts die flut, Mitarbeiter des komparatistischen Kunst- und Forschungsprojekts projekt berggasse.

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