Hauptverband des Österreichischen Buchhandels

Grill, Andrea

Zufälligkeiten



In ihrem Debüt Der gelbe Onkel (Otto Müller Verlag) zeichnet Andrea Grill literarische Porträts von Verwandten und Nachbarn. Dem Anzeiger erzählte die Sprachwissenschaftlerin und Biologin, warum ein Buch manchmal intelligenter ist als sein Autor, was Altruismus gegenüber Verwandten auslöst und was für sie einen guten Nachbarn ausmacht.

Interview: Pamela Krumphuber Foto: L. E. L. Raijmann

Ihre Kurzbiografie liest sich sehr beeindruckend, Sie haben Biologie, Sprachen und Sprachwissenschaft studiert, leben teilweise im Ausland, haben publiziert und übersetzt. Was hat sie jetzt am Thema Familie gereizt, sich damit auseinanderzusetzen?

Frei nach Milan Kundera würde ich sagen, „ein Buch ist immer ein bisschen intelligenter als sein Autor“. Ich schrieb diese Erzählungen und merkte an den Reaktionen, dass die Familie für das zentrale Thema gehalten wird. Mein Thema war zu zeigen, dass verschiedene Menschen mit verschiedenen und oft gegensätzlichen Lebensweisen und Weltanschauungen miteinander auskommen können, ohne dass einer den anderen erschießt. Ich wollte die Individualität der menschlichen Welterfahrung untersuchen, die Variationen, in denen Menschen so daher kommen, die Abweichungen von der „Norm“ (wenn nicht ohnehin die „Norm“ die Abweichungen sind).
Die Betitelung dieser Porträts mit den Funktionen der Figuren in ihren jeweiligen Familien kam durch die Idee, dass „große“ politische Probleme im persönlichen zwischenmenschlichen Kontakt meist eine viel geringere Rolle spielen als in den Nachrichten. Ein Beispiel: „Amerika“ ist mir unsympathisch, den Amerikaner hingegen, der gestern neben mir im Flugzeug saß, mochte ich gerne und er sagte gescheite Dinge. Ich denke, dass es gut ist, sich manchmal vor Augen zu halten, dass der, den wir auf den ersten Blick als „Feind“ betrachten würden, nicht nur der Vertreter einer bestimmten Meinung ist, sondern ebenso ein Onkel, ein Bruder, oder ein Großvater. Und dass er vielleicht ausgezeichneten Kaffee kocht. Es ist kein Zufall, dass die „Familie“ des Buches über ganz Europa verstreut lebt.

Könnte das Thema auch teilweise damit zu tun haben, dass Der gelbe Onkel Ihr Debüt ist? Also eine Art der Selbstvergewisserung einer Herkunft anlässlich des ersten Auftritts?

Welche Bücher gedruckt werden, und welche nicht, ist nicht ausschließlich eine Entscheidung des Autors, sondern hängt auch davon ab, welche Texte der „Zeitgeist“ und damit der Verlag gerade will. Es ist nicht so, dass ich vor und neben dem Gelben Onkel nichts anderes geschrieben habe, und auch nicht so, dass diese Texte die ersten waren, die ich einem Verlag vorgeschlagen habe. Der gelbe Onkel war einfach die erste Textsammlung, die ein Verlag als Buch herausgeben wollte. Es scheint also, dass ich mich im Thema Familie besser auskenne, als ich dachte, und dass Leute lieber über Familie lesen, als ich angenommen hatte. Fast drei Jahrzehnte alt musste ich werden, bis ich unter dem Titel Großmutter auch nur ein einziges Wort aufs Papier setzte. Wäre ich ein Verlagsleiter, hätte ich vermutlich anders geartete Texte vorgezogen. Und vermutlich hätte ich damit einen großen Fehler gemacht. Glücklicherweise bin ich kein Verlagsleiter.

Mir kam das Buch auch wie eine Hymne auf die Großfamilie vor, auf Netze der Verwandtschaft, die aus dem Blick geraten sind, aber trotzdem noch immer existieren. War das intendiert?

„Hymne“ ist ein Wort, das mir beim Lesen meines Buches noch nie in den Sinn gekommen ist. Dass ich großfamilienartige Netzwerke faszinierend finde, ist aber wahr.

Welche Bedeutung haben Familie und Nachbarschaft Ihrer Meinung nach für die Menschen heute?

Es lässt sich wissenschaftlich beweisen, dass man für Lebewesen, mit denen man einen Großteil der Gene teilt, mehr tun würde, als für solche, mit denen man diese Gene nicht teilt. Das allein daher, weil man so viel wie möglich von sich selbst in den darauf folgenden Generationen wieder finden möchte. Altruismus gegenüber nicht-verwandten Lebewesen ist eine große Ausnahme und keinesfalls die Regel. Und einmal abgesehen von unserer kleinen, privilegierten Ecke der Erde, in der der Staat viele soziale Funktionen übernommen hat, die früher der Familie überlassen waren, ist in den meisten anderen Gegenden die Familie noch immer das wichtigste soziale Netz, das einen in der Not vor dem Untergang bewahrt.
Was die Nachbarschaft angeht: Schon allein, wenn man manchmal einige Wochen lang wegfährt, und Pflanzen in seiner Wohnung hat, ist es sehr praktisch, einen Nachbarn zu haben, der einem diese Pflanzen gießt und manchmal den Briefkasten leert, sodass niemand merkt, dass man nicht da ist, und folglich niemand auf die Idee kommt, einem während der Abwesenheit die Wohnungseinrichtung davonzutragen.

Und welche Bedeutung haben sie für Sie?

Ich lebe besser, wenn ich einen Nachbarn habe, den ich gerne mag. Wenn er mich noch dazu manchmal zum Flughafen bringt, ist er großartig.

Warum haben Sie das Thema als „Album“ (und nicht etwa als Roman o.ä.) gestaltet? Welche Vorteile bot diese Form?

Ein Album war ideal, weil so die Zufälligkeit deutlich werden konnte, die diese verschiedenen Menschen zusammengewürfelt hat. In einem Roman wäre ihr Verhältnis zueinander logisch erschienen, eine Folge gewisser Ereignisse geworden. Es ist aber nicht logisch. Es ist Zufall.

Warum haben die Großmütter so prominente Plätze zu Beginn und am Ende des Buches?

Eine Großmutter ist immer schon vor einem selbst da. Sie kann daher nur am Anfang stehen. Wenn die eine am Anfang steht, muss die andere am Ende stehen, sonst wird sie eifersüchtig.

Welche Rolle spielt die ländliche Herkunft der Erzählerin?

Die, dass ich bei einem Flug von Wien nach Süden mindestens zehn Salzkammergutseen beim Namen nennen kann und weiß, an welchen Stellen die besten Badeplätze sind; dass Schneerosen meine Lieblingsblumen sind und Deutsch die erste „Fremdsprache“ ist, die ich gelernt habe, sodass ich bis heute ungezwungener Italienisch oder Englisch spreche als „Hochdeutsch“, das mir aus meinem Mund immer ein wenig künstlich und unecht klingt.

Im Vergleich zu den Familienbüchern anderer Autoren früherer Jahrzehnte, in denen hart mit der Familie und mit dem Landleben abgerechnet wurde, fällt Ihr Buch eher versöhnlich aus, ohne zu beschönigen. Sehen Sie sich in irgendeiner Form a) in einer Tradition b) als Angehörige einer Generation, die ihren eigenen Blick auf diese Themen gewonnen hat?

Gerade weil ich den Eindruck habe, dass in Österreich viele Schreibende ihre Kreativität aus dem Widerstand oder der Abrechnung mit der Familie schöpf(t)en, habe ich mich ja anfangs kaum getraut, diese Texte jemandem lesen zu lassen. Ich hab' mir gedacht, wenn das jemand liest, dann sagen sie, wieder derselbe Käse, wieder die Familie und so weiter, wieder eine Großmutter, das hatten wir schon hundertmal vorher. Doch es scheint, dass die Familie interessant ist wie eh und je. Vielleicht, weil jeder eine hat und also jeder mitreden kann, sich jeder mit der einen oder anderen Figur identifizieren kann, oder die eine oder andere Figur wieder erkennt, weil er/sie selbst etwas Ähnliches in seiner Umgebung hat. Wenn ich etwas mit Tradition zu tun habe, dann in dem Sinn, dass es mir ein Vergnügen war, gegen eine meines Erachtens sehr österreichische Denkweise anzuschreiben, die nämlich, dass man immer der Familie schuld geben kann, wenn man sich nicht wohl fühlt in seiner Haut. „Er hatte ja so eine schwere Kindheit“, heißt es dann und wird gleich zu einer Entschuldigung für alle Faul- und Dummheit, die derjenige bis ins hohe Alter verbreitet. Daran glaube ich nicht.
Zu einer „Generation“ gehörig fühle ich mich ganz und gar nicht, weil ich so oft Texte entdecke, die in total anderen Perioden geschrieben wurden, mit den meinen aber viel mehr gemein haben als andere, die von Gleichaltrigen stammen. Nehmen Sie zum Beispiel Christian Haller, der über seine Mutter geschrieben hat. Der gehört für mich zu einer anderen Generation, dennoch hat seine Weise, über seine Familie zu schreiben, ganz und gar nichts mit Abrechnung zu tun. Im Gegenteil.

Wie sind die Geschichten und Porträts entstanden? Wurden sie planmäßig, etwa anhand einer Liste von zu beschreibenden Personen, abgearbeitet oder gab es zuerst Einzelporträts, die dann ergänzt wurden?

Genauso, wie ein Fotoalbum entsteht. Man macht hier und da eine Aufnahme, und auf einmal ist das Heft voll.

Sie sind, u.a. als Mitarbeiterin von Literatur und Kritik, auch auf der Seite der professionellen Literaturrezeption aktiv. Womit beschäftigen sie sich dabei vorrangig, welche Literatur interessiert sie?

Meine Mitarbeit bei Literatur und Kritik betrifft vor allem die Kulturbriefe. Im Bereich Literaturrezeption schaue ich mir gern die österreichischen Neuerscheinungen an. Einfach um zu begreifen, was sich so tut im Lande. Da ich kaum in Österreich bin, sind diese Texte eine Möglichkeit des Heimkommens ohne geographische Ortsveränderung.
Dada und Symbolismus hat mich bereits in der Mittelschule interessiert, in der bildenden Kunst wie in der Literatur. Eine Liste der Bücher, die ich als großartig erachte, würde vor allem Titel aus dem zwanzigsten Jahrhundert enthalten – Prosa wie Poesie, Romane wie Erzählungen, Essays – einige altgriechische Philosophen, einige persische Dichter. Nachdem die meisten der Namen, die ich nennen würde, ohnehin keine Geheimtipps sind, möchte ich einen nennen, der ausserhalb seines Heimatlandes, glaube ich, wohl noch ein Geheimtipp ist, er Niederländer Franz Kellendonk. Leider jung verstorben. Im Übrigen lese (und übersetze) ich gerne (noch) unbekannte albanische Autoren.

Wie geht das alles mit der Biologie zusammen?

Die Biologie, die mich interessiert, beschäftigt sich mit der Vielfalt des Lebens. Wie kommt es, dass sich aus einigen wenigen immergleichen Grundbestandteilen all diese Formen und Farben entwickeln? Warum hat ein Zebra keine Flügel? Der Mensch ist nur eine einzige der unzählbaren Arten von Lebewesen, die es gibt. Weil wir aber selbst Menschen sind, interessieren wir uns vor allem für Menschen, und in zweiter Linie für Organismen, die uns ähnlich sind. Die Arbeit an Lebewesen, die uns sehr unähnlich, aber nichts desto trotz zahlenmässig und auch in vielerlei anderer Hinsicht überlegen sind, wie zum Beispiel Insekten, ermöglicht mir, Menschliches mit einer gewissen Relativierung zu betrachten, und lässt mich auch einmal über etwas lachen, was ich tragisch finden müsste, wüsste ich nicht, dass es einfach Wasserstoffbrückenbindungen sind, die jetzt brechen. Literatur und Wissenschaft stehen ja keinesfalls im Gegensatz zu einander, sie ergänzen sich vielmehr, und gehen idealerweise Hand in Hand.

Andrea Grill
Der gelbe Onkel
Otto Müller Verlag
ISBN 3-7013-1105-6/MM
EUR 15,–

Andrea Grill, geb. 1975 in Bad Ischl, studierte Biologie, Italienisch, Spanisch und Sprachwissenschaften in Salzburg, Thessaloniki und Tirana, lebte mehrere Jahre in Cagliari, Sardinien. Wissenschaftliche Arbeiten zur Evolution der Schmetterlinge Sardiniens. Veröffentlichungen in Zeitungen und Zeitschriften, u.a. „Die Furche“, „Lichtungen“ und „Literatur und Kritik“, Mitarbeit bei „Literatur und Kritik“. Übersetzerin aus dem Albanischen. Sie lebt in Salzburg, Amsterdam und Neuchatel.


Hauptverband des Österreichischen Buchhandels
 
Zur Startseite  

Realisiert mit ContentLounge 7.5.0