Bilgeri, Reinhold
FilmgeschichteReinhold Bilgeri, Hit-Lieferant der 80er und 90er, hat seinen ersten Roman geschrieben: In „Der Atem des Himmels“ (Molden Verlag) erzählt er von einer eindrucksvollen Frau, die ihr Leben selbst in die Hand nimmt. Wie kommt der Musiker Bilgeri dazu, einen Roman zu schreiben? Der Musiker Bilgeri ist immer vielgleisig gefahren. Das Schreiben ist also nichts Neues für mich, ich habe es in meiner Jugend mit Michael Köhlmeier begonnen, mit dem ich in der Sandkiste aufgewachsen bin. Ende der 60er Jahre habe ich Erzählungen und Hörspiele geschrieben, dann auch Drehbücher. Ich dachte mir: Das wird eines Tages klappen, wenn ich ruhiger bin. Ich wollte aber zuerst wissen, wie es ist, ein Rock’n’Roll-Star zu sein. Das habe ich durchgezogen, habe aber nie den Kontakt zur Literatur verloren, mich quer durch die Weltliteratur gelesen und zwischendurch immer wieder Hörspiele geschrieben, um in Form zu bleiben. In den 80er Jahren habe ich begonnen, Material über ein Thema zu sammeln, das mich lebenslang beschäftigt hat, nämlich die Katastrophe von Blons 1954. Ich erinnere mich dumpf, wie meine Mutter auf dieses Desaster reagiert hat und weinend durchs Haus ging. Eines Tages wollte ich also etwas darüber schreiben, sei es ein Drehbuch oder ein Roman. Das ist wieder akut geworden, als ich mich ins Privatleben zurückgezogen habe, um für meine Tochter da zu sein. Ich führte also viele Interviews mit Menschen aus dem Walsertal, habe mit meiner Mutter viel gesprochen. Aufgrund der Chronologie meiner Familie habe ich ein Konzept angefertigt. Meine Mutter stammte aus kleinadligem Haus und wohnte bei ihren Eltern im Schloss in St. Lorenzen. Nachdem das Schloss verloren gegangen war, wanderte sie aus, zuerst nach Innsbruck, dann ins Große Walsertal, um dort Lehrerin zu werden. Die Diskrepanz dieser beiden Welten hat mich sehr interessiert. Ich dachte zuerst, einen Film daraus zu machen: Eine Frau kommt in diese wortkarge, kalte, steile Welt des Großen Walsertals und verliebt sich dort. Meine Eltern haben sich dort übrigens tatsächlich verliebt, vieles andere in dem Roman ist aber fiktional. Ich habe also ein Drehbuch mit dem Titel Der Atem des Himmels geschrieben. Während des Schreibens kam ich drauf, dass man dazu noch einen Roman schreiben sollte und habe während der Arbeit an dem Drehbuch damit begonnen. Das Drehbuch hat mich zum Roman inspiriert, den ich von der dramaturgischen Stringenz so hinbringen musste, dass die Proportionen und der Rhythmus stimmen, dass man 280 Seiten lang fesseln kann. Da sind gewisse Techniken notwendig, sodass ich mich beim Schreiben des Romans auf das Drehbuchhandwerk besonnen und die Plot-Points so gesetzt habe wie im Film. Mir kommt vor, dass ich filmisch erzähle. Der Roman wird also aller Voraussicht nach verfilmt? Das Drehbuch ist fertig, die VEGA-Film ist begeistert und stellt gerade das Budget auf. Ich hoffe, dass wir im kommenden Jahr drehen können. Somit gäbe es dann eine Synergie zwischen Buch und Film – für den Verkauf sicher kein Nachteil. Der Roman spielt in den 1950er Jahren, Sie sind 1950 geboren. Wie haben Sie diese Zeit erlebt? Es war eine armselige, aber heilige Zeit. Es herrschte Aufbruchstimmung. Ich wurde ins Internat gesteckt, in ein anderes als Köhlmeier, damit wir nicht zusammenkamen, weil wir Hallodris waren. Obwohl wir nach dem Krieg arm waren – meiner Mutter wurden alle möglichen Unterstützungen gestrichen –, war es trotzdem schön. Wir waren eine große Familie, die aber mit dem wenigen sehr gut zurechtgekommen ist. Diese Aufbruchstimmung, die Sehnsucht nach heiler Welt, war für die damaligen Kinder angenehm. Unsere Elterngeneration hat so viel Scheußliches gesehen, dass man nach dem Schmutz, Dreck und Tod nun Sehnsucht nach Unschuld und Heiligkeit hatte. Das hat für mich ein positives Erinnerungsbild geformt. Wir haben nach vorne geblickt, in den 60er Jahren zu sehr nach vorne, weil man plötzlich die Vergangenheit vergessen hat. Diesem Vergessen ist ein Protest entwachsen, an dem ich beteiligt war. Es war also eine kreative Jugend. Wir hatten damals viel vor, haben große Dinge geplant. Köhlmeier und ich waren ein Team, erst als wir studierten – er ging nach Marburg, ich nach Innsbruck –, haben wir uns ein wenig auseinandergelebt. Wie hat sich diese Zeit auf Ihre künstlerische Entwicklung ausgewirkt? Natürlich sehr. Ohne John Lennon, Keith Richards und viele andere wäre ich nicht der, der ich bin. Im Gymnasium hat man mich Jagger genannt, weil ich in den Kellern geprobt habe, Ich hatte rötliche Haare und Sommersprossen und dachte: Wie ich aussehe, kriege ich nie eine Frau. Dann sah ich die Beatles am Flughafen von New York aus dem Flugzeug steigen mit ihren langen Haaren, die bis über die Ohren gingen. Die Mädchen kreischten und ich dachte mir: That’s it, Rock’n’Roll! Chicks for free! Mit der Gitarre in der Hand hat plötzlich die Frauenkiste begonnen. Ich bin natürlich stark von der angloamerikanischen Musik beeinflusst. Unsere Helden waren Jeff Beck, Jim Morrison, die Rolling Stones, vor allem Bob Dylan. Auf literarischem Gebiet habe ich mich zuerst durch die Russen, dann durch die Franzosen gelesen. Alle Genres, die mich später interessiert haben, habe ich damals vorbereitet: Kabarett, Drehbücher/Hörspiele/Prosa, Film/Regie. Regie, glaube ich, ist meine eigentliche Stärke. Sie arbeiten auch an dem Film „The List“, für den bereits Malcom McDowell, Jürgen Prochnow und Christopher Lambert zugesagt haben. Worum geht es? Ein gefährliches Thema, deshalb ist das Geld noch nicht beisammen. Es geht um den Papstmord 1979. Der Papst wurde vergiftet, weil er 800 Millionen Schwarzdollar nicht weiterwaschen wollte. Coppola hat das in seinem Paten auch schon zitiert. Dazu brauchen wir auch italienisches Geld, allerdings war die P2-Loge in den Mord – falls es einer war – verwickelt. Interessant ist, dass Berlusconi P2-Mitglied ist. Und mit einem amerikanischen Autor habe ich einen Thriller geschrieben, The Visit. Carlo Rola möchte ihn inszenieren. Was ist das Besondere am Filmemachen im Unterschied zum Schreiben? Der Umgang mit Menschen, das Schaffen eines eigenen Universums, für das ich verantwortlich bin: die Geometrie des Raums, das Arrangement, die Choreographie der Darsteller, die psychische Atmosphäre, die Musik – das also in eine Komposition zu bringen, die unser Herz angreift, ist eine höchst spannende Kunst. Und dass man Schauspieler so weit bringt, dass sie über sich hinauswachsen. Schreiben ist ein einsamer Job, und man weiß oft nicht: Bin ich im Moment genial oder ein Volltrottel? Beim Film sieht man sofort im Monitor, ob es in Ordnung war. Die Kamera ist nicht bestechlich, wir schon. Doch im Moment bin ich Schriftsteller. Um auf Michael Köhlmeier zurückzukommen: Es gab und gibt ja nicht nur die Freundschaft, sondern auch eine künstlerische Beziehung. Wie hat sich die entwickelt? Ein Wort ergab immer das andere. Es gab Zeiten, da haben wir, wenn uns langweilig war – so zwischen zwölf und vier Uhr Früh –, spaßhalber 80 Gedichte geschrieben. Konkrete Poesie, nur der Geschwindigkeit wegen. Einer erfand einen Vers, der andere einen Reim darauf. Das hat hervorragend funktioniert. Dann haben wir Lieder geschrieben, „Oho Vorarlberg“ war 1974 ein Nummer-1-Hit in Österreich. Oder wir haben Kabarett-Sendungen gemacht, in denen wir mehrere Personen gespielt haben. Es war immer energiegeladen und synergetisch. Einer hat den anderen bereichert und inspiriert. Aber wir waren auch Rivalen, wenn auch auf einer gesunden Ebene. Jeder wollte auf seinem Gebiet gleich der größte sein. So ist es geblieben, doch das hat den gegenseitigen Respekt und die Liebe gestählt. Er hat bei der Präsentation von Der Atem des Himmels eine derart rührende Homage gehalten, dass ich nicht wusste, wie ich danach lesen sollte. Ich hatte Angst vor seinem Urteil, weil er als Schriftsteller ein Kaliber ist, dann aber meinen Roman so gelobt hat. Wie er es gesagt hat, war es nicht nur die reine Liebe, sondern eine ernst gemeinte positive Kritik an meinem Buch, die in dem Satz kulminierte: „Der Roman ist ein Hammer!“ Die heutige Literatur ist sehr minimalistisch, karg, der Zeit angepasst. Ich habe die Sprache ganz bewusst den 1950er Jahren angepasst. Damals war mehr Pathos üblich, und ich bin selbst ein romantischer Mensch. Manchmal sind blumige Passagen drin, man spürt also ein wenig die Jahresringe in der Sprache. Bei Ihren Lesungen wird aber nicht nur gelesen, sondern auch gesungen? Ich möchte noch mal eine Brücke zur Musik schlagen und hatte beispielsweise bei der Präsentation einen Jazz-Pianisten dabei und u. a. Gershwin-Songs gesungen. Das hat gepasst, weil der Roman ja eine Liebesgeschichte erzählt. Ich werde nicht bei jeder Lesung singen, aber wenn es gewünscht wird, ja. Und wie steht es um das Musikmachen heute? Die drei erwähnten Bereiche Musik, Film und Literatur betreibe ich nach wie vor aktiv. Ich kann die Gitarre nicht in den Winkel stellen und werde mit 80 immer noch Blues singen. Ich bin in den 70er Jahren im Vorprogramm von Champion Jack Dupree und Muddy Waters aufgetreten, und die sind im hohen Alter noch immer auf der Bühne gestanden. Und Pablo Casals hat noch mit 96 sein Cello gespielt. Bei mir wird es auch so sein: Ich werde keinen Bauch haben, weil ich ein Rock’n’Roller bin, auch als Schriftsteller. Das ist nicht nur Musik, sondern eine Lebenseinstellung. Es ist ein wenig wie mit dem Kopf durch die Wand, trotzdem aber sensibel. Meinen Hüftschwung kann ich auch beim Schreiben nicht loswerden. Das mag dem Feuilleton nicht gefallen, aber das ist mir egal, weil ich weiß, dass es genügend mündige Leser gibt, die Literaturkritiker nicht als Vorkauer brauchen. Gibt es schon weitere literarische Pläne? Das fragen viele. Ja, klar geht es weiter. Ich habe einen Roman im Kopf, er wird möglicherweise Die Unvollendete heißen, hat aber nichts mit der Symphonie zu tun. Es geht um Menschen, um Beziehungen. Auch mit der Musik geht es weiter: Demnächst wird es ein Best-of-Album geben. Das Timing muss passen: Jetzt der Roman, dann das Album, danach der Film, dann wieder ein Buch. Wie kam eigentlich die Verbindung zum Molden Verlag zustande? Ich habe Andreas Mailath-Pokorny, den Wiener Kulturstadtrat, angerufen und ihn nach Literaturagenten in Österreich gefragt. Er empfahl mir, mit Ulrich N. Schulenburg vom Thomas Sessler Verlag Kontakt aufzunehmen, der Der Atem des Himmels in zwei Tagen gelesen hat, mich anrief und meinte: Da machen wir was! Das war im Mai. Ich wollte das Buch unbedingt in diesem Herbst erscheinen lassen, weil nächstes Jahr ja der Film kommt und war dann in der glücklichen Situation, dass sich mehrere Verlage für den Roman interessierten. Bei Molden gefiel mir das junge Team, die Frauenpower und das Programm, und ich dachte, mein Buch könnte dort die Nummer eins sein. Aber entscheiden werden die Leser. Reinhold Bilgeri, 1950 in Hohenems geboren, war Professor für Deutsch, Geographie, Psychologie und Philosophie und begann Ende der 60er Jahre seine musikalische Karriere in verschiedenen Rockbands und tourte als Anheizer für Deep Purple, Status Quo usw. durch ganz Europa. 20 Charterfolge machten Bilgeri vor allem in den 80er und 90er Jahren zum internationalen Aushängeschild der österreichischen Popmusik. Reinhold Bilgeri Der Atem des Himmels. Roman Molden Verlag ISBN 3-85485-146-4/MM EUR 19,80 Der Autor steht für Lesungen zur Verfügung. Infos beim Molden Verlag, Tel. 01/533 26 39. |


