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Kehlmann, Daniel

Eine Form der Neurose

Daniel Kehlmanns vierter Roman „Die Vermessung der Welt" (Rowohlt) stand schon vor seiner Nominierung für den Deutschen Buchpreis auf vielen Bestsellerlisten ganz oben. Ein Gespräch mit dem Autor über die Aufklärung als Projekt von Neurotikern, über Wirklichkeit und Wissenschaft und über die Geschichtsmächtigkeit von Individuen.

Interview: Pamela Krumphuber, Foto: Sven Paustian


Ich gratuliere zur Nominierung zum Deutschen Buchpreis. Die Vermessung der Welt war aber schon vorher mehr als erfolgreich. Gibt es überhaupt eine Frage, die dir zu dem Buch noch nie gestellt wurde?

Wenn man einen Roman im 19. Jahrhundert ansiedelt, wird man nicht nach autobiografischen Elementen gefragt. Das ist ganz erfreulich.

Schon deine vorangegangenen Bücher sind auf großes Interesse gestoßen, jetzt aber dürfte endgültig der Durchbruch geschafft sein. Was unterscheidet denn diesen von deinen anderen Romanen?

Dieses Buch ist von der Komposition her breiter angelegt als die früheren, es steckt viel mehr darin: mehr Ideen, mehr Leben. In gewisser Weise sind all meine Themen enthalten.

Ist das nicht beunruhigend für einen Autor?

Ein wenig schon. Jetzt muss ich mir etwas Neues überlegen.

Was trifft da so sehr den Nerv der Leser?

Es ist sicher mein lustigstes und auch mein spannendstes Buch. Es ist kein breit auserzählter Roman, sondern verknappt und stilisiert, kein postmoderner Schinken. Dadurch ist es zugleich ein experimenteller Roman.

Das ist eine mutige Bezeichnung.

Aber nur, weil uns im Studium ein so enger Begriff von experimenteller Literatur vermittelt worden ist. Experimentelle Literatur müsse klein geschrieben und nach immer gleichen spätdadaistischen Formeln gestaltet sein. Aber das ist falsch. Auch Calvino oder Pynchon sind experimentelle Autoren.

Warum hast du für die Dialoge die indirekte Rede gewählt?

Damit umgeht man das Problem, welche Sprache man die Figuren sprechen lässt. Man müsste sie ja sonst entweder altertümeln oder in moderner, heutiger Sprache sprechen lassen – beide Alternativen sind nicht sehr erfreulich. Die indirekte Rede erzeugt darüber hinaus eine Art Scheinobjektivität. Mein Ziel war es, so zu schreiben, wie ein seriöser Fachhistoriker schreiben würde, wenn er plötzlich verrückt geworden wäre. Die Spannung zwischen dem sachlichen Ton und den Inhalten, die nicht dazu passen, hat mir enormen Spaß gemacht.

Weil das Stichwort „verrückt“ gefallen ist: Du hast einmal gemeint, die deutsche Aufklärung sei eine erschütternd humorlose Angelegenheit gewesen. War es vielleicht auch eine verrückte Angelegenheit?

Die deutsche Aufklärung ist teilweise von Verrückten betrieben worden. Das ist das Charmante daran. Sie war eine neurotische Angelegenheit, so wie die französische Aufklärung neurotisch war, wenn auch auf andere Art. Die Weimarer Klassik war eine der glorreichsten Neurosen, die es je gab. Immerhin beruhte sie auch auf der Leugnung von Wirklichkeit. Man sieht das schon in Goethes Reiseberichten: Ihm ist nie heiß, nie kalt, die Welt steht ihm immer offen oder liegt zu seinen Füßen. Ich sage nicht, dass das eine Lüge gewesen wäre, aber es bedeutet auch Ausblendung. Wie zum Beispiel beim Aufstieg von Humboldt und Bonplant auf den Chimborazo in meinem Roman. Selbst wenn sie halluzinieren, versuchen sie noch, die Form zu wahren. Eine einstudierte Haltung, die an der Wirklichkeit bricht, das ist Komik. Ich will da nichts gar denunzieren. Mich faszinieren die Größe und die Lächerlichkeit dort, wo sie eng verschlungen sind.

Hast du das Gefühl, dass dieser Aspekt in der Rezeption genug gesehen wurde?

Eigentlich nicht, gerade in lobenden Artikeln wurden viele Aspekte, die mir wichtig waren, nicht gesehen. Die Vermessung der Welt betreibt schliesslich auch Ideologiekritik an der Weimarer Klassik und wirft die Frage auf, was deutsch ist. Damit will man sich aber in Deutschland kaum beschäftigen, dort bleibt die Rezeption auf der individuellen Ebene stehen, die satirische Ideologiekritik wird eher von Ausländern gesehen. Meine englische Übersetzerin hat das Buch sehr schön und richtig „a novel about a particular kind of german madness“ genannt.

Wenn es diese Rezeptionssperre gibt: Hättest du im Nachhinein betrachtet etwas anderes gemacht?

Nein, wirklich nicht. Dieser Roman sieht wirklich so aus, wie ich ihn mir vorgestellt habe, als ich mit der Arbeit anfing. Das ist mir vorher noch nie gelungen.

Viele meinen, Die Vermessung der Welt kritisiere moderne Wissenschaftsgläubigkeit. Es könnte aber auch ein Künstlerroman sein, weil er sich sehr für die Biografien der Figuren interessiert. Warum hast du zwei Naturwissenschaftler in den Mittelpunkt gestellt?

Es gibt erstaunlich wenig Naturwissenschaftlerromane, und ich interessiere mich nun einmal für die Naturwissenschaften. Gauß hat diese überragende Intelligenz und wird eben dadurch melancholisch. Davon wollte ich eben nicht in Form des Genieromans erzählen, auch weil es nach der Kantischen Definition, die ich eigentlich für richtig halte, in der Naturwissenschaft keine Genies gibt. Humboldts Wissenschaftswahn ist im Grunde durch Gauß schon überholt. Aber in ihrer Neugier, ihrem Idealismus und Verstehenwollen ironisiere ich die beiden nie.

Gleichzeitig ist es ein sehr psychologischer Roman und ein Vater-Sohn-Buch.

Es ist ein psychologischer Roman, der sich sachlich gibt, sich aber eher um vier Leute als um Wissenschaft dreht. Ich wollte jeder Figur eine zweite zur Seite stellen, um Konfliktmöglichkeiten zu schaffen. Bei den beiden Paaren ist es ja spiegelverkehrt. Humboldt ist freundlich zu Bonplant und hat in ihm einen illoyalen Begleiter, während Gauß zu seinem sehr loyalen Sohn sehr unfreundlich ist. Das Vater-Sohn-Thema interessiert mich generell, auch mein Buch Ich und Kaminski ließe sich ja leicht als Vater-Sohn-Geschichte lesen.

Humboldt ist auch vor der Erziehung durch seinen Vater geflüchtet.

Beziehungsweise vor Goethe, der als Vaterfigur fungiert und der bei mir den Satz über die Brüder Humboldt formuliert, den jetzt viele für echt halten: „Ein Brüderpaar, in welchem sich so recht die Vielfalt menschlicher Bestrebungen ausdrücke, wo also die reichen Möglichkeiten zu Tat und Genuß auf das vorbildlichste Wirklichkeit geworden, das sei in der Tat ein Schauspiel, angetan, den Sinn mit Hoffnung und den Geist mit mancherlei Überlegung zu erfüllen.“ Humboldt jedenfalls läuft davon, aber erst für Gauß' Sohn Eugen wird Amerika das, was es für Humboldt nicht werden konnte: ein Ausweg aus der familiären und politischen Enge der Heimat.

Ganz grundsätzlich gefragt: Wie geschichtsmächtig können denn Individuen werden?

Im Zweifel würde ich sagen: schon sehr. Eine zeitlang war es in Mode, in der Tradition einer marxistischen Geschichtsschreibung historische Entwicklungen als notwendig zu betrachten, keineswegs als von Individuen gesteuert. Aber hätte es die französische Revolution ohne Voltaire, ohne Rousseau gegeben? Ohne Solschenizyn würde die UdSSR vielleicht heute noch existieren. Ich denke, einzelne Menschen können viel verändern. Leider sind sie aber allen möglichen Zufällen und Fährnissen ausgesetzt. Das bedeutet, dass die Zukunft der Welt jederzeit von einem herunterfallenden Ziegelstein verändert werden kann. Das finde ich sehr beunruhigend. Es wäre mir lieber, wenn es anders wäre, aber ich glaube, es ist so.

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